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Von: Lukas Wogrolly

Als Tourist getarnt in Triest (Ausgabe XIV / 2011)

Lukas Wogrolly lebt seit vier Jahren in Triest. für die Entwicklung von Living Culture Reisen nahm er eine Fahrt im touristenbus von graz nach Triest auf sich. als tourist getarnt, erzählte er niemandem sein geheimnis.

Zu Herbstbeginn machte ich mich in einer Gruppe überwiegend grau- und weißhaariger Menschen am Vormittag auf den Weg von Graz nach Grado.

Die Fahrt im Reisebus verlief ohne Komplikationen, hervorzuheben ist das ausgezeichnete und supergünstige Mittagessen in der nur Insidern wie unserem Busfahrer Manfred bekannten A2-Raststätte Griffen. Ankunft in Grado, Stadtbesichtigung. Dom und Lapidarium, eine zweite Kirche. Danach eile ich in eine Bar, bestelle dort einen Espresso und frage „Dov’è il bagno?“ – da ich nichts von einem WC im Bus wusste und zuvor auch nicht die Gruppe aufhalten wollte. Als ich zurückkehre, ist die Gruppe verstreut. Ich will die Reiseleiterin, die aus Mödling stammt, aufsuchen und ihr erzählen, dass ich in Triest studiere, finde sie aber nicht und beschließe dann, für die paar Reisetage meine wahre Identität als Geheimnis zu hüten. An der Gradeser Strandpromenade begegnen mir andere Reiseteilnehmer, von denen ich mich fotografieren lasse, auch mit Triest im Hintergrund und erstmals die Rolle so richtig einnehme, die ich während der ganzen Fahrt beibehalten sollte: Ein als Grazer Tourist verkleideter Wahlitaliener, der seit vier Jahren in Triest lebt, und dennoch, selbst als am 2. Reisetag der Ausflug in die Hauptstadt Friaul-Julisch Venetiens ansteht, kein einziges Wort davon auch nur irgendjemandem erzählt.

Erster Tag: In Grado flaniere ich durch die Gassen und Straßen, lasse mich von der italienischen Atmosphäre anstecken, fühle mich wie „Der verlorene Sohn ist endlich dorthin zurückgekehrt, wo er hingehört“ und habe den Gedanken: „Ich bin in Italien weder geboren, noch aufgewachsen. Erst mit 14 Jahren begann ich Italienisch zu lernen. Und doch, ich weiß nicht, warum, vielleicht wegen der Gene – mein Vater hat ja den italienischen Nachnamen Scala – fühle ich mich zu diesem Land so hingezogen, es ist für mich das schönste Land der Welt.“ Diese unglaubliche Freude und Energie, die mir dieser Gedanke gibt, führt dazu, dass ich es „aushalte“, in der Gruppe der grau- und weißhaarigen Österreicher fast durchgehend zu schweigen.

Ich beginne in Grado, mein italienisches Leben zu führen, kaufe mir Wasser, ein TV-Magazin, lade das Guthaben auf meinem Handy in einer Trafik auf. Dann, auf den Reisebus wartend, setze ich mich hin und lese das TV-Magazin. Mein Alltagsleben, wie in Triest. Dann Fahrt vom Gradeser Stadtzentrum zum Hotel in Grado Pineta, etwa 4 km außerhalb. Ich wohne in einem 300 m entfernten anderen Hotel. Im Hotel angekommen, spreche ich, auch wenn das Personal deutschsprachige Gäste gewohnt ist, durchgehend Italienisch.

Zweiter Tag, Triest: Ich bin aufgeregt, ziehe mir mein schönstes Hemd an. Je mehr wir uns Triest mit dem Reisebus nähern, umso mehr läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Ich nehme ab Duino die Erklärungen der Reiseleiterin mit dem Diktaphon auf, halte es direkt zum Lautsprecher. Darauf sollten mich später Reiseteilnehmer ansprechen. Je näher wir Triest kommen, umso mehr häufen sich auch die in meinen Augen verbesserungswürdigen Aussagen der Reiseleiterin. Halt in Miramare, Schlossbesichtigung. Keine Schlossführung, der Eintritt ist selbst zu bezahlen. Für über 65-Jährige gratis. Doch die lange Schlange vor der Kassa zeigt mir, dass viele Leute der Gruppe offenbar jünger sind, als sie aussehen. Ich selbst zahle nur den halben Preis, da noch unter 25.

Wieder mache ich auf Tourist. Durch Miramare spaziere ich nur kurz, bleibe kaum stehen. Seit 45 Jahren war sie nicht mehr da, höre ich eine Reiseteilnehmerin. Weiter geht es nach Triest, Stadtrundfahrt Reisebus. Mein Arm ausgestreckt nach oben, mit dem Diktaphon in der Hand, ganz nahe am Lautsprecher. Ich muss immer wieder meine Position korrigieren, damit es nicht zu anstrengend wird. Gehen wir jetzt ins „Caffé Tommaseo“, wo ich sicher erkannt würde und alles auffliegen würde? Die Antwort ist Nein.

Langsam beginne ich es zu genießen, dass offenbar niemand weiß, welchen besonderen Bezug ich zu Triest habe. Ich schweige. Stille Wasser sind tief. Dann fahren wir hinauf nach San Giusto, zum Dom. Zunächst jedoch verfahren wir uns, landen in einer von Autos zugeparkten Straße, und der Busfahrer hat Mühe, ohne Probleme vorbeizufahren, oft nur im Schritttempo. Dann will ich kurz helfen, doch meine Frontallappen aktivieren sich rechtzeitig und verbieten mir jegliche Hilfe. Ja nicht den Mund aufmachen und deine Identität preisgeben. Ja nicht wichtigmachen, sei als Tourist hier! Und siehe da, der Busfahrer findet letztendlich auch ohne meine Hilfe die enge Auffahrt auf den Colle di San Giusto, findet sich allerdings vor dem nächsten Hindernis. Die engen Straßen sind dort derartig zugeparkt, dass der riesige Bus eine Ewigkeit braucht, um 1 x
um die Kurve zu kommen. Hinter uns hat sich angeblich bereits eine lange Kolonne formiert. Das ist Triest, denke ich mir und lache, jetzt weiß ich warum ich mein Auto abgemeldet habe, weil es hier nicht lustig ist, Auto zu fahren. Alles zu eng, viel zu eng.

Ich habe immer schon die Busfahrer bewundert, die in Triest bravourös die engen Gassen meistern. Dann, nach einem gröberen Zeitverlust, schafft es letztendlich doch der Busfahrer, die Kurve zu kratzen und den Bus vor dem Dom abzustellen. Applaus, Applaus! Beim Aussteigen ein Kommentar von mir, der ihn lächeln lässt: „In Triest zu fahren ist schwieriger als jede praktische Fahrprüfung!“ Wie wahr, wie wahr! Wenn der wüsste, wie gut ich das weiß.

Im Dom von San Giusto halte ich kurz inne und bete: Heiliger Justus, Patron dieser Stadt, mach, dass ich auch mein fünftes Jahr hier in dieser traumhaften Stadt an der Uni so gut schaffe. Wieder heraußen, das obligate Foto von einem Reiseteilnehmer geschossen, ich vor dem Dom San Giusto, als ob ich ein Tourist wäre. Denkste… Dann fahren wir komplikationslos hinunter zur Piazza dell’Unità d’Italia, ich weiß wie immer und überall in Triest natürlich alles viel besser als die Reiseleiterin, sage es aber nicht, denn meine Frontallappen bzw. nach Freud mein Über-Ich haben mich unter Kontrolle. Und das ist gut so. Auf der Piazza dell’Unità d’Italia lasse ich mich nicht fotografieren, zu groß ist die „Gefahr“, mich würde dort jemand sehen, den ich kenne und ich wollte nicht als Tourist auffallen. Nach einem Mittagessen – alleine, ohne die Reisegruppe – im Caffè degli Specchi ist es auch schon an der Zeit, die Rückreise anzutreten.

Es ist Nachmittag, und für ca. 10 Leute, zu denen ich auch gehöre, steht nun eine zweieinhalbstündige Bootsfahrt durch die Gradeser Lagune auf dem Programm. Und auf dieser Fahrt passiert es zum ersten Mal, dass ich mich öffne, meine Identität preisgebe. Aber nicht gegenüber Reiseteilnehmern. Nein, gegenüber der Sprecherin am Boot, die ins Mikrofon von unten auf Deutsch und Italienisch spricht. Wie viele Italienerinnen mit einer wunderschönen, klaren Stimme. Ich gebe ihr meine Visitenkarte, sage, wer ich bin und wie und warum hier, und sie verrät mir nur, sie sei aus Cormòns und mache Führungen auf Italienisch, Deutsch, Englisch und Russisch und sei extra engagiert worden, da so viele deutschsprachige Touristen an Bord waren. Nachdem ich ihr einige weitere Fragen, u. a. „Was ist Friaul, was ist Julisch-Venetien“, gestellt habe, verabschiedet sie mich in Grado bei der Rückkehr mit einem „Buon tutto“. Ich habe mich geöffnet, so gut es geht, hab versucht, spontan zu sein, aber nicht gegenüber den Leuten von der Reisegruppe, sondern gegenüber den Einheimischen. Somit geht der zweite Tag zu Ende, ich kehre müde ins Hotel zurück.

Letzter Tag, kurz vor acht Uhr früh.

Abfahrt durch die Provinz Triest nach Lipica, dem einzigen außeritalienischen Programmpunkt der Reise. Lipica liegt ganz nahe bei Italien und Triest, aber schon auf slowenischem Boden. Hier ist ein Lipizzanergestüt, und es gibt eine Führung und ein öffentliches Training einiger Lipizzanerhengste. Ein bisschen öffne ich mich gegenüber der Gruppe, aber auch nur bis zu einem gewissen Grad, ich möchte auf keinen Fall mein gut gehütetes Geheimnis preisgeben. Von Lipica geht es über die slowenische Autobahn in Richtung Graz. Ein Leckerbissen erwartet uns noch, das Essen auf dem Trojane-Pass. Wir kommen mit einer anderen Reisegruppe zusammen, für uns ist reserviert und es gibt super Essen und auch Krapfen. Ein Kompliment an die Reiseorganisation, denn es war Sonntag und das Lokal überfüllt, aber dennoch mit genug Personal und Plätzen ausgestattet, so dass in 1 Stunde ein Mittagessen im Normalumfang möglich war! Dann Heimfahrt nach Graz und die Erkenntnis, dass ich mir selbst genügen kann. Vor allem gegenüber Busfahrer und Reiseleiterin hatte ich oft das Gefühl, etwas verschweigen zu müssen. Gegenüber den anderen Reiseteilnehmern habe ich es gern getan.

Frontallappen bzw. Über-Ich sei Dank. Und wer weiß, vielleicht hat ja auch die Reiseleiterin, auch wenn ich es mir schwer vorstellen kann, genau so wie ich, geheimnisvoll geschwiegen, damit nicht rauskam, dass ich in Triest lebe und ihr Konkurrenz hätte machen können.

Dieser Text ist literarischer Natur, inspiriert durch eine Gruppenreise. Alle in diesem Text aufgeführten Fakten und Tatsachen sind rein subjektive Begebenheiten und jede (Nicht-)Übereinstimmung mit der Realität ist daher rein zufällig. Der Autor übernimmt keine Verantwortung für den Wahrheitsgehalt dieses Textes.


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