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Von: Monika Wogrolly

Besuch der alten Dame (Ausgabe XVII / 2011)

81 Jahre alt, nach ihrem Oberschenkelhalsbruch mit Krücke, aber in bester Laune: Sexbuchautorin Elfriede Vavrik öffnet uns ihre gutbürgerliche Wohnung in einem Vorort von Wien

Häkeldeckchen, ein mit Handtüchern zugedecktes Notebook und ein Herrgottswinkel lassen nicht ahnen, dass die greise Autorin hier in jugendlicher Frische „ihre Freier“ trifft. Natürlich ohne Geld zu nehmen, erklärt sie unserer männlichen Verstärkung Franzobel.

„Sie sind ja auch nicht mehr der Allerjüngste!“, lacht die Sexbuchautorin fast ein wenig schadenfroh, als Franzobel an ihrem biederen Tisch Platz nimmt. Sie bewirtet uns mit Leitungswasser. „Lügt‘s net!“, sagt sie im Wiener Slang, den Praktikantin Eva Baierl von zahlreichen TV-Clips auf Youtube kennt. „Mit einem Wasser hat keiner a Freud. Aber ich kann ja derzeit net einkaufen.“ Die Operation liege schon eine Weile zurück, noch immer habe sie Schmerzen. In ihrem Buch, das so gar nichts mit der biederen Schrebergartenidylle um uns zu tun hat, treibt es die reife Lady bunt. Vor meinem geistigen Auge versuche ich mir auch nur eine der akribisch geschilderten Sexszenen vorzustellen. Was misslingt. Die Autorin wurde sogar von Thomas Gottschalk dazu befragt. Im Herbst kommt ihr neues Buch, der Titel stamme vom Verleger, so Frau Vavrik: Badewannentango - da sie einmal fast nicht aus ihrer tiefen Badewanne herausgekommen sei. Worauf beruht der Erfolg des Bestsellers, der an den polarisierenden Ruf der legendären „Feuchtgebiete“ nicht nur herankam, sondern gleich mehrere Tabus brach: Einmal geht es in Elfriede Vavriks mit 79 Jahren veröffentlichten Debütroman um Sex im Alter. Und dann noch um späte Gelüste einer Greisin, die statt auf Kukident ganz auf die sexuellen Höhepunkte mit viel jüngeren Männern gesetzt hat. „Ich hatte doch keine Ahnung vom Sex!“, ruft die strahlende alte Dame. „Was schauen‘S denn so!“, fährt sie den verdutzten Autorenkollegen Franzobel an. Und zu mir: „Na schauen‘S nur, wie er schaut! Na sowas!“ [lacht] „Jetzt hab ich einen“, fährt die Lady munter fort, „bei dem schaff ich‘s nimmer ganz, ihn auf Distanz zu halten.“ Sie vollführt mit den Händen (durchsichtiger Nagellack) eine wegschiebende Bewegung auf dem Tisch, weil ihr die Liebe Angst macht. Sie war vierzig Jahre ohne Sex, ihren ersten Orgasmus habe sie mit Ende siebzig gehabt. Alles sei auf ihren Arzt zurückzuführen, der sie nach ihrer chronifizierten Schlaflosigkeit ermutigt habe, eine Kontaktannonce aufzugeben. Im Bazar, sagt sie, wo es gratis gewesen sei. Jetzt habe ihr Verleger die Idee, in einer Tageszeitung zu schalten und die Bewerbungen der Männer für ein drittes Buch zu nutzen. Frau Vavrik wurde durch sämtliche deutschsprachige TV-Shows geschleift. Sie schafft es auch bei unserem Gespräch, sich nicht auf die direkte Sprache ihres Buches herabzulassen. Weder das Wort Muschi noch das Blasen von Schwänzen führt sie jetzt im Mund, wenngleich ihr Buch voll davon ist. Auch Analsex wird beschrieben. Als ich es erwähne, schreckt sie mit angewidertem Gesicht fast zurück. „Au“, schreit sie, das habe so wehgetan. „Also ich habe drei Söhne geboren, aber dieser Schmerz!“ Franzobel schmunzelt ratlos. Praktikantin Eva ist die einzige, die hier jedes Wort glaubt. Bis zu fünf Männer unter fünfzig treiben es pro Woche in Frau Vavriks Besteller mit der rüstigen Rentnerin.

Als Franzobel, Eva und ich das Treppenhaus hinuntergehen, begegnen wir keinem Menschen. Und frösteln fast bei der Erinnerung an die Diskrepanz zwischen der Elfriede Vavrik im Buch mit den lasziv gespreizten Beinen beim sexuellen Höhenflug - und der netten alten Dame in der biederen Seniorenwohnung, in der so gar kein Schimmer von Erotik war. Wir wünschen ihr in Gedanken gute Besserung.

Buchtipp:

Der SPIEGEL Besteseller „Nacktbadestrand“

Zitat:

Sie schafft es, sich nicht auf die direkte Sprache ihres Buches herabzulassen. Weder das Wort Muschi noch das Blasen von Schwänzen führt sie jetzt im Mund, wenngleich ihr Buch voll davon ist.

 


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