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Text: Adele Schwingenschlögl, Fotos: Adele Schwingenschlögl

Die Welt mit einem Griff versehen

Grünes Polo und rote Hose, so steht Günther Paal alias Gunkl mittig auf der Bühne. Ohne Tisch, ohne Pult. Echte Sprachgewalt braucht wohl keine Requisiten. Sein aktuelles Kabarettprogramm, „Die großen Kränkungen der Menschheit“, ist keine Schonkost für bigotte Gemüter aber auch für alle anderen nicht unbedingt ein „Jauserl“. Man kommt nicht umhin, zwischen Lachen und Schmunzeln, manchmal auch Schlucken, die eigenen Standpunkte zu hinterfragen und querfeldein das eine oder andere ins eigene Gedankengerüst mit einzubauen.
Und dass „alle“ nicht unbedingt „jeder“ bedeutet und wir Menschen nicht oben, sondern außen dran sind, erfährt man in rund zwei Stunden sprachkomplexer Gedankenwellen mit dem Schlussgedanken: Das zutiefst Menschliche sollten wir niemals schwänzen!

Living Culture unterhielt sich mit dem Kabarettisten nach seiner Vorstellung im Grazer Casineum über Glück, Schmieden und die leichte oder schwere Version des Lebens.

LC: Wie empfanden Sie den heutigen Abend, wie war das Publikum?
G: Sehr wach, sehr bei der Sache und erfreulich lustig. So, wie man‘s gerne hat. Wobei, ich gehe nicht auf die Bühne, um geliebt zu werden oder um gute Laune um jeden Preis zu verbreiten, ich gehe auf die Bühne, weil ich mir denke, gewisse Dinge gehören halt gesagt.

LC: Sie spielen seit beinahe zwanzig Jahren ihr eigenes Programm. Haben sich Ihre Standpunkte im Laufe der Jahre verändert?
G: Na ja, sie haben sich geschärft. Verhärtet.

LC: Wie werden Sie eigentlich angesprochen? Herr Paal, Gunkl, Herr Gunkl?
G: Gunkl ist in Ordnung, das hat mein Bruder erfunden, als Günther für ihn noch nicht aussprechbar war. Meine Schwester sagt Günther zu mir, sie ist aber eigentlich die einzige. Ich weiß ja, wer ich bin. Wie wer sagt, ändert daran nix.

LC: Sie wurden letztes Jahr fünfzig. War das eine Kränkung für Sie?
G: Nein, ich habe auch nie in der Annahme gelebt, ich würde nicht älter werden. Da ist keine Verscherung zwischen Annahme und Wirklichkeit, also kränkt mich das nicht. Es gibt gewisse anatomische Ausfallserscheinungen, die bringt das Alter mit sich.

LC: …aber offensichtlich keinen Haarausfall.
G: Ja, da hab ich Glück! Das ist die späte Genugtuung der Rothaarigen, dass die Haare länger die Farbe behalten und länger am Schädel bleiben.

LC: Man liest über ihr Privatleben so wenig, ist das Absicht?
G: Ja. (Stille)

LC: Mögen sie die Menschen?
G: Ja, vorbehaltlich, aber ich brauche eine Mindestdistanz. Ich war so froh, als mir ein Freund, der ist psychiatrischer Krankenpfleger, einmal erzählt hat, dass Distanzlosigkeit in der Speisekarte von „Poscher“ dabei ist. Das ist ein Krankheitsbild, das hat irgendeinen Namen.

LC: Abstandsbeeinträchtigung?
G: Hm, ja, das wär ein sehr schöner Euphemismus.

LC: Ihre Programme sind ja extrem sprachkomplex, lesen Sie sehr viel?
G: Ich lese hauptsächlich naturwissenschaftliche Zeitschriften, keine Belletristik, weil ich sicher sein will, dass die Geschichten, die mir einfallen, auch wirklich MIR einfallen. Sprache ist für mich nur ein Werkzeug, um Gedanken über eine Welt, die aus Gegebenheiten und Möglichkeiten besteht, zu beschreiben. Ich achte sehr drauf, dass dieses Werkzeug in Schuss ist. Ich freue mich über jeden neuen Bohren, mit  dem ich Bereiche der Welt mit einem Griff versehen kann.

LC: Und Poesie?
G: Ich weiß, dass es die gibt, aber auch, dass sich Sprache darin bei Weitem nicht erschöpfen darf.

LC: Würden Sie sich grundsätzlich als schlagfertig bezeichnen? Kommt das auch im Alltag zum Tragen?
G: Ich achte sehr darauf, dass ich mir im direkten Diskurs die Letztschlagskapazität bewahre und auch, dass ich den Erstschlag, soweit ich kann, nicht begehe.

LC: Wie merken Sie sich Ihr Programm? Sie nehmen ja nichts mit auf die Bühne.
G: Es sind ja meine Gedanken, die sind schon so geschrieben, wie ich sie sagen würde. Der Text ist ja eine Folge von Gedanken und nicht von Silben. Deshalb ist er zum Lernen nicht so schwer.

LC: Und wie lange dauert das dann?
G: In etwa zwei Wochen kann ich‘s.

LC: Sie haben das ganze Jahr über Auftritte, außer im Juli und August…
G:. Ja, da bin ich meiner Freundin sehr dankbar, dass sie mir das einräumt: Ich setze mich alleine ins Auto und fahr einfach los. Die Tür ist zu, die Welt ist draußen, ich bin drinnen, es rennt Deutschlandfunk, und keiner will was von mir, das ist wunderbar. Ich bin ja arschknapp am Autismus vorbeigeschrammt. Und dann fahre ich noch jedes Jahr mit Christian Schmidt („Müllers Büro“) in die Nähe von Hannover, und da schmieden wir uns jeder ein Messer. Das dauert eine Woche und macht Spaß.

LC: Das klingt ja fast schon poetisch, würden Sie sich als Romantiker bezeichnen?
G: Ich bin ein Romantiker, insofern ich die Idee vom Reinen habe, ich bin aber soweit ein Realist, dass ich weiß, dass Romantiker sehr gefährlich sein können, weil sie ein „Aber“ nicht akzeptieren wollen. „Aber“ ist der Kitt der Welt. Und ich weiß, dass ich mir diese eine Woche romantische Idee des Schmiedens, was übrigens furchtbar dreckig ist, gönne. Man macht etwas, und das gibt’s dann, und das ist für mich sehr beruhigend und schön. Denn was ich beruflich mache, gibt’s ja nicht wirklich. Das ist nach „schönen Abend“ weg. Es vergeht.

LC: In einem älteren Programm haben Sie eine leichte und eine schwere Version davon vorbereitet, je nach Publikumswunsch, welche Version würden Sie für Ihr Leben wählen?
G: Hm, ich hab‘s schon gerne leicht, aber wenn Gefahr besteht, dass leicht auch blöd wird, wenn die Schwierigkeit darin besteht, dass man es sich leicht macht, dann nehm ich‘s lieber schwer.

LC: Wie hätte sich Ihr Leben wohl entwickelt, wenn Sie eine Frau wären?
G: Ich glaube, ich würd längst wegen siebenfachem bestialischen Todschlags achtmal lebenslänglich absitzen. Ich würde die Männer so herpläsch‘n. Da hat die Welt ein Glück, dass ich keine Frau bin!

LC: Eine meiner obligaten Fragen: Was macht Sie persönlich glücklich?
G: Ich glaube, ich bin nicht wirklich glücksfähig. Aber im Gehirn sind die Bereiche, wo schön, gut und richtig verhandelt werden, sehr benachbart und teilweise überlappend. Und bei mir hat „richtig“ die anderen beiden Begriffe aufgefressen. Für mich kann es also nicht schön sein, wenn‘s nicht richtig ist, aber wenn‘s richtig richtig ist, dann geht’s mir schon sehr gut.

LC: In Anlehnung an unser Magazin, was verbinden Sie damit, Kultur zu leben?
G: Das, was eine Gesellschaft sehr stark konstituiert, sind die Geschichten, die sie sich erzählt. Wenn man eine Gesellschaft nicht verwildern lassen will, muss man per Kulturakt eben dazu beitragen, dass die richtigen Geschichten erzählt werden, denn viel anderes haben wir nicht. Das hält die Geisteslandschaft am Leben, und da versuche ich, meinen Beitrag zu leisten.

LC: Noch ein Glückstipp für unsere Leser?
G: Vermeiden Sie Gespräche, in denen die Frage „Wie hast du das gemeint?“ berechtigt ist.

LC: Wenn ich jetzt nach Hause gehe und meinen Freunden von diesem Gespräch berichte, was würden Sie sich wünschen, dass ich über Sie erzähle?
G: Der ist in seinem Denken wirklich so streng, aber darin ist er erstaunlich umgänglich.


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