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Von: Monika Wogrolly; Fotos: Christian Jungwirth, www.bigshot.at

Ein Theaterkind (Ausgabe XII / 2010)

Sie hat große Kinderaugen. Lächelt GERN. Ein Schauspielerinnengesicht. SIE bestellt Tafelspitz,
Dazu ein Glas Rotwein. Dann die Frage: Wer ist sie? Wir trafen die Intendantin des steirischen herbst im Grazer „Sacher“.

Veronica Kaup-Hasler - was macht eine Intendantin, wenn gerade nicht steirischer herbst ist?

Der steirische herbst präsentiert in dreieinhalb Wochen rund 100 verschiedene Projekte aus allen Sparten der Kunst, im letzten Jahr mit über 600 Beteiligten aus 37 Nationen. Wir arbeiten das ganze Jahr ausschließlich auf diesen Zeitpunkt hin, es ist also alles andere als eine Beschäftigung, die sich nur auf den Herbst konzentriert. Im September und Oktober ist man natürlich ausschließlich mit der Durchführung des aktuellen Festivals beschäftigt. Danach haben mein Team und ich vier Monate Zeit, das Programm für den nächsten steirischen herbst zusammenzustellen, mit Künstlern und Partnern zu verhandeln und Projekte zu entwickeln. Das ist energetisch manchmal sehr schwer, denn es geht nach Ende des Festivals immer mit Volldampf weiter.

Der steirische herbst ist einerseits stark kuratiert, andererseits sehr partizipatorisch angelegt, das heißt es gibt viele lokale Institutionen, die wir zu Gesprächen einladen anhand des Leitmotivs, das wir ausgeben. Die Partner müssen ihrerseits wieder ein Konzept entwickeln und aus dem daraus resultierenden Dialog entsteht das endgültige Programm.

Woher kommt das Leitmotiv?

Die alljährlichen Leitmotive entwickle ich intern mit meinem dramaturgischen Team, jedoch unter Einbeziehung eines Festival-externen künstlerischen Beirates, mit dem wir unsere Ideen ausführlich diskutieren. Das Thema soll nicht fundamentalistisch das gesamte Festival beherrschen und auch nicht beliebig sein. Wir stellen gesellschaftliche brisante Fragen, da der steirische herbst auch eine gewisse Themenführerschaft in Anspruch nimmt. Das Leitmotiv muss einerseits für ästhetische und künstlerische Anliegen passen, andererseits auch einen gesellschaftspolitischen Impetus geben.

Woher kommt Veronica Kaup-Hasler?

Ich bin in in Dresden geboren, aber mit zwei Jahren schon nach Wien gekommen und dort aufgewachsen. Meine Mutter hat in Dresden Gesang studiert, gemeinsam mit Peter Schreier, und mein Vater ist Wiener. Die beiden haben sich zufällig in Berlin kennengelernt und verliebt, Mein Vater zog dann aufgrund dieser Liebe in die DDR, wo mein Bruder und ich geboren wurden. Für meine Eltern war es eine sehr abenteuerliche und auch aufreibende Zeit, mit Stasi-Überwachungen und Bespitzelungen, bis mein Vater es schließlich über ausländische Hilfe geschafft hat, uns nach Österreich zu bringen. Damals war es DDR-Bürgern verboten, Personen aus dem „kapitalistischen Ausland“ zu ehelichen. Meine Eltern heirateten heimlich. Es war eine richtige Liebesgeschichte. Sie leben nach wie vor in Wien und sind noch immer ein glückliches Ehepaar.

Mein Vater ist Schauspieler, meine Mutter Sängerin, das heißt, ich bin wirklich ein Theaterkind mit einer großen Liebe zum Theater einerseits, aber auch mit einer Distanz dazu. Ich stelle mich selbst nicht gern in den Vordergrund, es geht mir in erster Linie um die Künstler und ihre Arbeit, sowie deren Vermittlung. Beim steirischen herbst bin ich ja Gastgeberin. Ich schaffe extrem gerne Künstlern die Bedingungen und den Raum für die Entfaltung ihrer Kunst.

Wie geht Ihre Geschichte weiter?

Zu meiner Studienzeit habe ich, wie wahrscheinlich so viele, mehrere Studien begonnen – von Politikwissenschaft, Spanisch bis hin zu Theaterwissenschaft und Germanistik. Letzteres war dann mein Hauptstudium, und ich habe im Bereich Theaterwissenschaft meinen Abschluss gemacht. Ich wusste aber, dass ich bei diesem Studium nirgendwo landen würde, wenn ich nicht parallel dazu schon Dinge tue. Daher habe ich bereits während des Studiums im journalistischen Bereich gearbeitet, mich sozial engagiert – ich habe etwa einmal die Woche Bücher in der Krebs- und die Rehabilitationsstation im Wiener Wilhelminenspital ausgetragen – und habe aber auch selber sehr viel Musik gemacht – z.B. in einem Chor gesungen.

Sie haben gesungen...?

Ja, im Jeunesse-Chor. Ich war bei Tourneen mit Christian Ludwig, Jessye Norman und Jeffrey Tate dabei – es war eine schöne Zeit, neben dem Studium auch in dem Chor zu sein und diese Erfahrung zu machen.

Und ich habe auch am Burgtheater volontiert, damals unentgeltlich, weil ich das als Investition in die richtige Richtung gesehen habe. Von dort wurde ich auch prompt zu den Salzburger Festspielen engagiert, als Dramaturgieassistentin für Così fan tutte, übrigens mit Cecilia Bartoli.

Wann war das?

Das war 1993, mit Abschluss des Studiums. Gleich nach dieser Salzburger Dramaturgieassistenz habe ich in Basel am Stadttheater als Dramaturgin angefangen und bin dort zwei Jahre geblieben.

Wie sind Sie von Salzburg nach Basel gekommen?

Die Basler haben bei der Salzburger Dramaturgie nach gutem Nachwuchs für eine Produktion nachgefragt. Und so bin ich hingekommen. Danach bin ich wieder zurück nach Wien gegangen zu Klaus Bachler, der damals Direktor der Wiener Festwochen war. Als er dann ging, wollte er zunächst, dass ich mit ihm gehe. Ich hatte aber am internationalen Theaterleben Blut geleckt und blieb, um weitere vier Jahre mit Luc Bondy in diesem Bereich zu arbeiten. Für jemanden, der knapp 27 ist, ist das eine irre Erfahrung, ich hab mich so richtig rein geschmissen, bin viel gereist und durfte eine Generation von Theatermachern fördern, die sich alle einen Namen gemacht haben.

Mein letztes Projekt bei den Wiener Festwochen – damals war meine Tochter bereits geboren – war das Container-Projekt von Christoph Schlingensief. Danach kam das Angebot, selber Leitung eines Festivals zu übernehmen, es war das Festival Theaterformen, das in den zwei Städten Hannover und Braunschweig angesiedelt ist. Meine Vorgängerin dort war Marie Zimmermann, die als Schauspieldirektorin zu den Wiener Festwochen wechselte, während ich von den Festwochen dorthin kam. Bis 2004 habe ich dieses biennal angelegte Festival dann geleitet. In diesem Jahr ist zwei Monate vor Festivalstart auch mein Sohn Valentin auf die Welt gekommen und habe ich mich beim steirischen herbst beworben, wo ich dann eben auch genommen wurde.

Sie komen aus einer Theaterfamilie. Wie bewältigten Sie dieses aktive Leben des Reisens, des ständigen Tuns?

Ich glaube, um mobil sein zu können und sich dabei nicht selber zu verlieren, braucht man eine gewisse „Erdung“.

Was heißt für Sie „geerdet sein“?

Geerdet sein heißt für mich, seine Mitte zu haben und zumindest zu erkennen, wenn sie verrutsch

War das schon immer so oder mussten Sie sich darum bemühen?

Ich habe das einfach im Laufe der Zeit lernen dürfen, sozusagen je mehr ich gelebt habe. Das ist ja auch das Herrliche am Älterwerden, dass man bestimmte Nervositäten ablegen kann, die man in jüngeren Jahren auf jeden Fall hat. Es ist eine Zunahme von Gelassenheit, was aber nicht zu verwechseln ist mit Routine oder gar Langeweile.

Würden Sie sich als Strategin beschreiben oder handeln Sie eher intuitiv?

Natürlich gibt es Konzepte, nur lehne ich das Denken in Winkelzügen ab. Ich habe es immer geschätzt, wenn mein Gegenüber sehr klar und offen ist. Ich halte mich selbst für einen sehr offenen Menschen und bin so gestrickt wie ich eben bin. Wenn jemand nicht geradlinig agiert, ist mir das eher suspekt. Ich glaube auch an mündliche Vereinbarungen und halte diese auch ein.

Was ist für Sie Glück?

Glück sind Momente, wo man ungeachtet aller Schicksalsschläge bei sich bleiben kann – eine Zufriedenheit mit dem Moment zu haben. Für mich zählt der carpe diem Gedanke: Im Jetzt zu leben, mich nicht ständig über Dinge, die nicht präsent sind zu beklagen, nicht in einem Zustand der ständigen Sehnsucht oder des Bedauerns zu leben. Das Leben genießen, wie es ist, darin einen Reichtum entdecken zu können und dieses Leben mit Menschen teilen, die man liebt. Dieses Teilen in Liebe ist etwas sehr wichtiges.

Halten Sie für möglich, dass Liebe rein neurobiologisch erklärbar ist als Sache von Hormonen und Hirnströmen, wie es zurzeit diskutiert wird?

Auch da ist die Wahrheit meiner Meinung nach immer komplex. Natürlich können solche Dinge eine Rolle spielen, aber die ganze Weltgeschichte baut auf einer anderen Erfahrung auf. Ich glaube, dass Liebe weitaus mehr ist, nicht messbar ist. Man kann vielleicht die Liebe einer Mutter oder eines Vaters zum Kind rein biologistisch erklären, aber in dem Moment, in dem man liebt, gibt es dieses spezielle Kind und kein anderes. Selber fühlt man ja auch nicht in messbaren Kategorien. Man kann Liebe nicht denken ohne eine Erfahrung davon zu haben. Ich glaube, dass es im Leben viele Momente gibt, die nicht erklärbar sind und im wahrsten Sinne des Wortes „Wunder-voll“.

Was war Ihr letzter Glücksmoment?

Mein letzter Glücksmoment war heute in der Früh: Vier Menschen in einem Bett, die sich eng aneinander kuscheln und den Wecker immer weiter nach vorn stellen, um noch Zeit zu gewinnen. [lacht]

Zitate:

Natürlich hat man als Studentin viel gemacht, journalistisch gearbeitet, sich sozial engagiert, im Chor gesungen und vieles mehr. Das ist die Zeit,
in der man alles ausprobieren muss.

VERONICA KAUP HASLER,
INTENDANTIN:

Beim steirischen herbst bin ich ja Gastgeberin. Ich schaffe extrem gerne Künstlern die Bedingungen und den Raum für die Entfaltung ihrer Kunst.

Ich bin wirklich ein Theaterkind mit einer großen Liebe zum Theater einerseits, aber auch mit einer Distanz dazu.

Mein letzter Glücksmoment war heute in der Früh: Vier Menschen in einem Bett, die sich eng aneinander kuscheln und den Wecker immer weiter nach vorn stellen, um noch Zeit zu gewinnen.

Veronica Kaup-Hasler:

Das Leben genießen, wie es ist und darin einen Reichtum entdecken zu können und dieses Leben mit Menschen teilen, die man liebt: Dieses Teilen in Liebe ist etwas sehr Wichtiges.


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