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Von Markus Schwingenschlögl

KulturGut

Was ist Kultur, was ist sie nicht? Was gilt es beim Erleben von Kultur zu beachten? Und zählt der Kulturgenuss manchmal bereits selbst zur Kultur? Markus Schwingenschlögl begab sich für Living Culture auf eine kleine Spuren- und Wurzelsuche.

Für den einen ist Kultur zweilagiges Toilettenpapier. Für den anderen beginnt sie erst bei dreilagigem. Für einen Dritten ist Kultur eine Symphonie von Beethoven, mit Ausnahme der fünften, weil die nun mal jedem noch so hemdsärmeligen Kulturbanausen geläufig ist. Ein vierter findet den Gipfel der Kultur im Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Für den fünften war Musil nur ein tölpeliger Schmierer, der es nicht einmal geschafft hat, den Roman fertig zu schreiben.
Kurz gesagt, Kultur, bzw. unser jeweiliges Kulturverständnis, ja unser gesamtes Erleben von Kultur, ist verschieden. Ziemlich verschieden sogar. Vor allem die Sache mit dem Erleben von Kultur macht die ganze Angelegenheit erst recht kompliziert. Denn während so mancher findet, dass die Aufzucht und Ernte von Gemüse ein kultivierender Vorgang ist, wogegen man angesichts der Etymologie des Wortes Kultur nur schwerlich Einrede halten kann, avancieren viele in ihrer Selbstwahrnehmung erst beim Verzehr von Kalbsfilet aus dem Gewürzsud mit Whiskey-Senfsauce, Grünkohl-Tartlett und Steckrübenconfit zum kultivierten Connoisseur. Freilich genügt auch das nicht jedem, steht doch bei den Benimmsüchtigen eher die möglichst affektierte Aufnahme der bourgeoisen Nahrung im Vordergrund.
Ähnlich wie bei der fast schon willkürlichen, zumindest jedoch selektiven Festlegung dessen, was Kultur nun sei oder auch nicht, gleicht auch die individuelle Interpretation beim Erlebnis derselben einer achtspurigen Autobahn der Befindlichkeiten mit einer großen Zahl an Geisterfahrern, dafür aber ohne ausgewiesene Richtungsfahrbahnen. Der Mensch hat die Kultur vielfach zum Kult erhoben.
Der Gedanke, es aufgrund besagter Schwierigkeiten mit einer etwas sachlicheren, nüchternen Definition zu versuchen, liegt nahe. So entstammt das Wort Kultur aus dem Lateinischen und war wohl eine Bezeichnung für das Pflegen und Bearbeiten des Ackers. In diesem Sinne umfasst Kultur dann alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt und steht im Gegensatz zu der von ihm nicht veränderten Natur. Entsprechend dem Unterschied von reiner Definition und dem Erleben von Kultur, ließe sich auch zwischen einem deskriptiven und normativen Kulturbegriff differenzieren.
Am plausibelsten scheint es mir anzunehmen, dass Kultur immanent subjektiven Charakter besitzt, wir Menschen uns aber kohärenztheoretisch immer wieder auf eine Grundmenge von Entitäten einigen können, der wir eine Beseeltheit mit Kultur attestieren. Möglicherweise lässt sich das Phänomen am leichtesten über die Grundlagen der Mengenlehre beschreiben. Jeder Mensch assoziiert Kultur mit einer bestimmten Menge von Begriffen aus der Grundgesamtheit. Diese Menge beinhaltet bei jedem unterschiedlich viele und teilweise jeweils andere Elemente. Aber es gibt doch meist Überschneidungen. Klarerweise wird man immer zwei beliebig ausgewählte Mengen finden, die leeren Durchschnitt haben, aber statistisch gesehen, wird sich im Gesamten eine gewisse Schnittmenge herauskristallisieren, und in der befinden sich dann alle jene Entitäten, denen wir im Allgemeinen ein Maß von Kultur zubilligen.
Diese Menge ist aber unbedingt einer zeitlichen und, so dumm es klingt, kulturellen Veränderung unterworfen, woraus man nach Belieben ableiten kann, dass man Kultur auch als geografisches Konstrukt sehen kann. Darüber hinaus sind über die Jahrhunderte noch viele philosophische Bände mit unzähligen weiteren, teils sehr eigentümlichen Definitionen gefüllt worden.
Doch beim Schreiben der drei letzten Absätze geht es mir wie dem jungen Philipp aus dem Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal: „die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muss, um irgendwelches Urteil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“. Es scheint also nicht ganz trivial zu sein, eine halbwegs zuverlässige Eingrenzung der Bedeutung des Wortes Kultur zu geben.
Nun vielleicht ist aber gerade das gar nicht notwendig. Vielleicht besteht die kulturelle Meisterschaft darin, jedem seine persönliche Definition von Kultur zu lassen und jedem diesen kleinen privaten Genuss des schöngeistigen Erlebens zu gönnen.
Wie dem auch sei, sicher scheint nur eines: Kultur lebt, sie bewegt sich sie verändert sich, sie ist. Kultur tränkt uns mit Leben. Also genießen Sie es einfach, wo immer und wann immer Sie Kultur für sich finden.


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