Interessiert an exklusiven Kulturerlebnissen? Melden Sie sich für den Newsletter an und erhalten Ihre LC news straight home. Finden Sie Anregungen für mehr Lebensqualität ohne Zeitaufwand und besuchen unsere Events mit dem speziellen LC Faktor.



Sprache:

Anrede:


Titel:


Vorname:

Nachname:

E-Mail:


Von: Monika Wogrolly; Fotos: Gernot Langs

Messners Kunst (Ausgabe I / 2007)

SEINE IDENTITÄT, SEIN WERK, SEINE KUNSTKRITIK, SEIN MUSEUMSPROJEKT

ÜBER DIE FÜSSE DES GRENZGÄNGERS IST SCHON VIEL GESCHRIEBEN WORDEN. DASS DER MIT ANFANG SECHZIG VERBLÜFFEND JUNG GEBLIEBENE BEMERKENSWERT SCHÖNE HÄNDE HAT, WURDE NOCH KAUM BEACHTET. WIR TREFFEN DEN SICH EHER NACH EINEM PHILOSOPHEN DENN EINEM SAUERSTOFFVERÄCHTER IN GNADENLOSEN HÖHEN ANHÖRENDEN REINHOLD MESSNER BEI DER ERSTEN RAMSAUER „GET IN BALANCE“-WOCHE AM RITTISBERG RELAXED BEI EINEM GLAS WASSER.

LOGISTIK

Herr Messner, die Idee von Dachstein:Cult ist schlicht: Besondere Orte inspirieren oder verändern das Bewusstsein. Das nützen zwei Mal im Jahr Künstler aus aller Welt. Da wollte ich Sie gleich einmal fragen: Wie war das mit der Wüste Gobi? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, es ist ja ganz flach dort, und Sie sind doch eher auf Berge – jetzt nicht fixiert, aber…?

Erstens bin ich nicht auf Berge fixiert, sondern ich habe immer wieder in meinem Leben etwas Anderes getan. Ich war zuerst Felskletterer, mit meiner ganzen Intention und Begeisterung, dann war ich Höhenbergsteiger und hab mich natürlich darauf spezialisiert, weil ich auch eine Logistik und ein Handwerk dafür brauche. Dann hab ich generell Wüsten durchquert. Denn auch die Antarktis ist eine Wüste, eine Kältewüste. Die Arktis ist eine Eiswüste. Grönland ist eine Eiswüste.

Fahren Sie vorher die Stationen Ihrer Route ab, oder machen Sie das auf das Geratewohl?

Nein, das geht nicht.

Sie müssen das also durchplanen?

Ich muss es im Detail durchplanen. Ich bin einmal in die Gobi hinein gefahren, man kann in die Gobi hinein fahren. Von Norden her, von Süden nicht, denn dort ist die chinesische Grenze. Und hab mir das Ganze angeschaut, ich wusste natürlich auch von der Besiedelung, dass dort relativ viele Nomaden noch leben, aber es ist nicht regelmäßig überstreut von Nomadenflächen. Es sind einzelne Grüppchen, die am Rande der Gobi leben. Und in der Mitte gibt es eine große Fläche, wo nichts ist, und da war die Schwierigkeit durch zu kommen. Ich kann ja, wenn ich durch die Gobi gehe, eine riesige Logistik aufbauen, und wenn ich einen Hubschrauber dazu habe, dann kann das jeder Mensch machen. Wenn ich aber auf alles verzichte, auf Träger, auf Helfer, auf irgendwelche Maschinen, dann wird das logistisch sehr schwierig.

GLÜCK

Ein Zitat von Ihnen lautet sinngemäß, dass Sie in die Höhe gegangen sind, um tiefe Einblicke in Ihr Inneres zu gewinnen. Ist das auch ein Hintergrund, in die Einsamkeit zu gehen, um Ihr Glück zu finden?

Das ist ein Nebeneffekt. Ich breche auf und will eine Wand hoch steigen, oder will auf den Everest steigen –

Und das geht am besten allein?

Ich habe auch Alleingänge gemacht, aber nicht nur. Wenn ich mir vornehme, ich gehe mit drei Kameraden, dann versuche ich eine Logistik aufzubauen, eine Orientierung, ein Training zu machen. Ich mache ein Training, versuche das dann und schaue, ob das praktisch möglich ist. Was das für eine Erfahrung abgibt nach innen, das ist ein Abfallprodukt. Ob ich später ein Buch dazu mache, das ist eine ganz andere Tätigkeit. Wenn ich ein Buch zu einer Reise mache, dann bin ich Autor. Vorher war ich Grenzgänger. Und ich mische das nicht.

DACHSTEIN:CULT

„Ich finde diese Aktivität besser als so manches, das gemacht wird. Von manchen Strategien halte ich relativ wenig.“

„Also wenn ich den Dachstein sehe, dann sage ich: Mich interessieren nur die Künstler. Der Künstler, der da oben eine Anregung findet und der etwas auszudrücken vermag, der interessiert mich.“

Bei Dachstein:Cult geht es auch darum, dass sich die Künstler verschiedener Sparten aufeinander einlassen, nicht nur im eigenen Saft brutzeln…

Das finde ich gut.

Die Frage ist, was dann aus diesem Zusammenleben der Künstler entsteht. Interessant dabei ist, was den Künstlern schon auf 2700 Metern immer wieder auffällt, wenn man schläft, ja, in dieser mittleren Höhe ab 2500…

Richtig…

…dann ist es häufig so, der Schlaf ist unterbrochen, man schläft auch viel weniger. Seltsamer Weise sind die Künstler aber immer ganz frisch gewesen.

Da gibt es sehr viele Aussagen dazu. Ich hab da einiges dazu geschrieben…

Was bedeutet für Sie Kunst?

KUNST

Ich sehe mich der Kunst viel verwandter als dem

SPORT

Herr Messner, nach dem Gespräch würde ich Sie gern noch mit dem Foto des Porträts von Ihnen fotografieren lassen. Der Künstler, Herbert Soltys, hat mich autorisiert, Ihnen das Bild zu überreichen.

Der hat das am Dachstein gemalt…

Ja, er hat ein Porträt von Ihnen, von einem Dachstein-Gondelwart, von einem polnischen Restaurantbediensteten der Bergstation und von mir, übrigens ohne mir was zu sagen, auf Basis von Fotos gemalt. Verschiedenste mit „Berg“ assoziierte Figuren…

Öl…?

Acryl auf Leinwand. Das war bei „Dachstein:Cult goes Berlin“ im Grunewald ausgestellt, im Januar und Februar diesen Jahres und ist jetzt wieder zurückgekommen. Die Idee ist, innereuropäisch oder auch weltweit über Kunst „aus der Höhe“ zu vernetzen.

PHILOSOPHEN

Da ich von der Philosophie her komme, interessieren mich natürlich Ihre bevorzugten Philosophen: Ich glaube, Nietzsche ist eine Affinität von Ihnen.

Das ist richtig, ja.

Sonst noch Philosophen, die Ihre Ideologie beeinflussen?

Also, heute mein besonderer Liebling ist der Sloterdijk.

BÜCHER

Wie kommt bei Ihnen der Antrieb zustande, so viele Achttausender zu machen und dann auch noch diese Bücher – Wenn Sie spontan aus dem Bauch heraus antworten?

Das ist gewachsen. Als ich damit anfing, war das einfach eine Fortentwicklung dessen, was ich zuvor getan hatte. Ich habe Berge bestiegen, ich war ein guter Kletterer... Und am Ende gab’s bei mir eines schönen Tages die Möglichkeit, alle vierzehn Achttausender zu machen. Es gibt vierzehn. Also war das eine Spielmöglichkeit.

„Ich sehe mich der Kunst viel verwandter als dem Sport. Wobei ich selber kein Künstler bin. Ich sehe mich nur als Verwandten.“

Es ist schwer zu evaluieren, was Kunst ist…

ÄSTHETIK

So ist es. Ich will auch keine Kunst erklärt haben. Ich schau mir das alles an. Ich finde diese Aktivität, (Anm. d. Red.: zeigt auf die Dachstein:Cult Zeitung), sage ich Ihnen, positiv, besser als so manches, das gemacht wird. Von manchen Strategien halte ich relativ wenig. Ihr Projekt ist viel kostengünstiger. Und es ist auch ein ganz anderer Zugang, was dann auch immer entsteht. Nur weiß ich natürlich, nachdem ich selber in der Kunstszene arbeite, das 90 Prozent, nein 99 Prozent von dem, was als Kunst herangetragen wird, Müll ist. Auch wenn Müll großartige Kunst sein kann.

Danke, Herr Messner! Eine großartige Schlagzeile! (lacht)

Ja, das ist so! (lacht) Ich habe kleine Kinder, und wenn ich Kunstwerke sehen kann, die meine Fünfjährige machen kann, dann sage ich immer: Das ist auch Kunst. Meine Fünfjährige ist auch eine Künstlerin. Nach Boys war ja jeder Mensch ein Künstler, oder ist jeder Mensch ein Künstler – ist alles in Ordnung. Manches ist einfach zu billig. Einfach zu billig…

Kunst ist, wenn etwas im Betrachter ausgelöst wird?

Ja, wenn es irgendeine Emotion im Betrachter auslöst, ist es Kunst. Welcher Art auch immer.

MESSNER MOUNTAIN MUSEUM

Ihr Verhältnis zur Kunst. Ein bisschen haben Sie’s ja jetzt schon umrissen. Sie haben ja vier Museen. Da ist es auch wichtig, die verschiedenen Eindrücke, die Sie von Ihren – sagen wir: Expeditionen - haben, darzustellen?

Mein Museum hat nichts zu tun mit meinen eigenen Erfahrungen. Ich habe versucht und versuche, ein Bergmuseum zu machen –

Ein universales?

Ein universales, das versucht generell und weltweit zu beantworten, was passiert, wenn Menschen sich am Berg begegnen. Und dabei nutze ich – ich bin nur der Kuppler, sonst tu ich ja nichts, ich bin ja kein Künstler – ich nutze dabei Kunst, ich nutze Reliquien und ich nutze Aussagen, zum Beispiel von Nietzsche.

Was verstehen Sie unter Reliquien?

Überbleibsel von irgendwelchen Menschen, die am Berg irgendwas gemacht haben. Ich könnte auch, wenn ich hier was finde, also wenn ich jetzt am Dachstein gehe und ich sehe, da wird gearbeitet und ich finde ein Objekt, das ich einfach gut finde. Dann kann sein: Ich möchte das haben. Ich verbinde das dann mit meinen anderen Kunstwerken und mache eine Installation.

Und Sie setzen es dann in Korrespondenz – ja, das ist auch die Idee von Dachstein:Cult.

Ja, das sehe ich. Das heißt, die Leute, die oben vorbeikommen, sehen, da macht einer was. Und er drückt was damit aus.

Bellini, Venedig, Lifestyle, diese Qualität, Kultur zu genießen, indem man sich Carpaccio mit Bellini zum Beispiel gibt. Ist das Ihres, oder ist das ganz weit weg von Ihnen?

Nein. Das gehört auch zur Kultur. Gerade die Esskultur gehört zur Kultur.

Sie haben ja auch ein Restaurant, nicht?

Ich habe zwei. (lacht) Restaurant kann man nicht sagen.

Was gibt’s dort? Yakfleisch?

Ich betreibe zwei Bauernhöfe. Und einer ist aufgebaut auf Yakfleisch. Das ist natürlich ein ganz anderer Hintergrund. Ich möchte Modelle entwickeln und damit zeigen, dass es heute noch möglich ist, ohne Subventionen in den Bergen zu überleben, wenn ich meine Produkte von A-Z veredle. Für mich ist das eine Marktlücke. Da bin ich ein reiner Wirtschaftsmensch…

ALPINTOURISMUS

„Ich glaube, dass der Alpentourismus nur auf Dauer überleben kann, wenn er sich auf die lokalen Werte beruft.“

Authentisch…

Authentisch. Lokal. Nur das Regionale ist ein Gegengewicht zum Globalen. Wenn ich eine globalisierte Welt habe, kann ich im Alpentourismus nur überleben, wenn ich das Globale unterstreiche. Aber auch habe. Und nicht so tue, als ob ich’s hätte.

(Anmerkung d. Red.: Kurze Unterbrechung durch Kellnerin) : Darf ich noch was zum Essen bringen, Herr Messner?

Im Moment nicht, nein.

Ein ganzes Yak bitte! (lacht)

Yak-Carpaccio. (lacht)

(Kellnerin):  Zum Trinken vielleicht?

Später. Später.

Waren Sie schon mal in Harry’s Bar in Venedig?

Nein, war ich nicht. Ich bin vielleicht alle zwei Jahre in Venedig. Es ist wahnsinnig teuer. Es ist natürlich eine der schönsten Städte der Welt. Wenn sie’s überleben, ist es nicht das eigene Verdienst, sondern es ist das Verdienst der Renaissance. Nicht das Verdienst der heutigen Venezianer.

HÖHENKRANKHEIT

Die Höhen- und Bergkrankheit kann ja schon ab 2500 Metern auftreten – auch bei Trainierten. Sogar unsere DC-Künstler könnten davon betroffen sein. Haben Sie so was schon gesehen – natürlich...?

Also bei Trainierten vielleicht sogar mehr als bei Untrainierten. Das hat mit Training nix zu tun.

Und Sie selber hatten nie Höhenkopfschmerz…?

Kopfschmerz hat jeder, der in einer großen Höhe war, aber das ist ein Anzeichen von Höhenkrankheit, und wenn ich dann nicht höher hinaufgehe, passiert nix. Aber wenn ich mit Kopfschmerzen in die Höhe gehe, wird’s gefährlich. Die Höhenkrankheit hat zu tun mit der Tatsache, dass der Mensch nicht dafür gemacht ist, in die Höhe zu steigen. Er kann es nur tun, wenn er langsam hinaufsteigt, weil sich die roten Blutkörperchen vermehren.

Es kommt ja auch zur vermehrten Harnausscheidung in der Höhe, ist schon auf 2700 Metern bei den Künstlern von Dachstein:Cult zu merken. Wie macht man das auf einem Achttausender?

Das hängt damit zusammen, dass wir in der Höhe mehr veratmen. Wir veratmen mehr Feuchtigkeit. Und damit haben wir einen Wasserverlust. Daher ist es notwendig, das wieder aufzufüllen, und das tun die meisten nicht. Wir haben nicht entsprechend Durst in der Höhe. Wir müssen daher möglichst viel trinken, weil das hauptsächliche Wasser wird nicht über den Harn, sondern über die Atmung ausgeschieden. Das wissen die meisten nicht, und deswegen sind sie dann ausgedörrt. Und das ist auch ein Auslöser der Höhenkrankheit.

KLO-GEHEN AUF EINEM

ACHTTAUSENDER

„Das ist überhaupt kein Problem. Aber natürlich geht jemand viel weniger aufs Klo in großer Höhe als herunten.“

Sie waren für die Grünen im Europaparlament…

EUROPA

Nein, ich war nie für die Grünen im Europaparlament. Ich war für Europa im Europaparlament. Ich war in der grünen Fraktion eingebunden, ohne Parteimitglied zu sein. Mein Interesse war das gemeinsame Ganze. Wenn es keine Regelung und Verfassung gibt, dann kann man das Parlament abschaffen, dann kann man die Kommission abschaffen und dann fällt das Ganze wieder auseinander. Wirtschaftlich haben wir’s schon so weit gebracht, dass die Grenzen offen sind. Und über die Grenzen hinweg freier Handel betrieben wird. Und das ist ja das erste Erfolgskonzept gewesen in Europa.

Ich höre heraus, dass Sie gerne Polaritäten zusammenführen?

Ich habe mir einfach die Herausforderung gestellt, über Kunst, Reliquien und Aussagen zu erzählen, was die Berge für die Menschen bedeuten. Das ist alles. Und das Ganze will ich auch noch freiwirtschaftlich machen, d. h. es lebt nicht von Subventionen, sondern von Eintritten und Veranstaltungen. Wir werden sehen, ob das dann nachhaltig funktioniert oder nicht. Aber nachdem ich es allein trage, ist es auch nicht schlimm, wenn es untergeht…

Aha…

…aber es wird nicht untergehen.

Ich habe Ihre Bibliografie studiert. Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Heute mache ich Bücher, weil ich den Kopf jung halten möchte. Ich mache mir selber Konkurrenz mit neuen Büchern.

PLURALE IDENTITÄT

(lacht) Wie viele Reinhold Messners gibt es eigentlich: Den Extrembergsteiger, den Grenzgänger, den Künstler, der sagt, er ist keiner, dann gibt’s den…Manager…?

Manager bin ich nicht. Aber ich bin ein Unternehmer.

Ich wollte auch nach Ihrer Kindheit fragen, weil  sich manches daraus erklären lässt…

Ich bin aber nicht mein eigener Psychotherapeut.

(Anm. d. Red.: Kurze Unterbrechung durch einen „Balance“-Besucher: Herr Messner, darf ich bitte eine Aufnahme machen?)

Sie dürfen! (zu MW): Ich habe einen Bruder, der ist Psychotherapeut, sehr erfolgreich, in London. Und den treffe ich ab und zu. Und wir unterhalten uns gut. Und es braucht natürlich Psychotherapeuten. Früher haben die Priester diese Aufgabe übernommen.

Und jetzt machen’s die Philosophen: Es gibt eine Pilotstudie an der Grazer Medizinuniversität: Klinikphilosophie.

Wie viele Geschwister hatten Sie?

Wir sind neun Geschwister.

Ach du lieber Gott! Und so viele Identitäten haben Sie jetzt wahrscheinlich auch.

Wir waren ein großer Haufen. Ich bin in einem großen Kinderhaufen aufgewachsen.

Und sind schon immer in die Berge gegangen?

Das war Zufall. Zufall, weil die Berge halt da waren.

HEIMAT

„Ich hisse generell keine Fahnen.“

Sie sind absolut flexibel, ein Chamäleon?

Ich bin in der ganzen Welt unterwegs. Ich könnte mir auch woanders eine Heimat schaffen. Das ist eine Frage des Sich-Schaffens, und nicht diese larmoyanten Gefühle: Da bin ich groß geworden und da ist meine Heimat...

Sie haben statt einer Fahne Ihr Taschentuch gehisst, stimmt das, am Mount Everest?

Ich hisse generell keine Fahnen. Nur bei einer Festansprache, als man mich feierte, und die Festredner meinten, ich hätte den Everest für Südtirol erobert, habe ich gemeint, nein, mein Taschentuch ist meine Fahne. Also wenn ich eine Fahne habe, dann ist es mein Taschentuch.

RELIGION

M. Wind: Sind Sie religiös, Herr Messner?

Nicht im klassischen Sinne. Ich gehöre keiner Religion an. Ich behaupte sogar, dass alle Religionen Menschen gemacht sind. Es gibt ja einige vernünftige Religionen, die Gottesbilder untersagen. Was unsere Maler in die Kirchen hinein gemalt haben, ist einfach lächerlich.

Was sagen Sie zu Freuds Ansatz, die christliche Religion sei eine generelle Neurose, durch die sich die einzelnen Gläubigen ihre Individualneurose ersparen?

Ich lasse die Religionen als Lebenshilfe schon existieren. Ich akzeptiere auch alle Religionen. Aber ich glaube, dass ich im Recht bin, wenn ich sage, sie sind alle Menschen gemacht. Moses hat sich das ausgedacht, Christus war ein großartiger Sozialpolitiker. Das ist ein System, das seit zweitausend Jahren funktioniert. Zauber und Ritus müssen sein. Aber es ist überhaupt kein Unterschied zu irgendeinem Fetischzauber in Mittelafrika.

Aus einem menschlichen Bedürfnis entstehen Religionen?

Ja, aber das Bedürfnis hat noch keine Religion hervorgebracht. Das Bedürfnis, das genetisch in uns steckt, das hängt vermutlich zusammen mit der Sprache, das ist vermutlich das einzige, das wir den Tieren voraus haben. Jetzt ergibt sich die Frage, wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Und wo ist das Ganze aufgehängt? Ob ich die Natur wissenschaftlich durchschaue oder nicht: Die Frage ist die gleiche. Wo kommt das Ganze her? Und wo geht das Ganze hin? Wo komm ich her? Wo gehe ich hin? Und aus diesen Fragestellungen sind religiöse Gefühle entstanden. Und dann gab es viele, viele Antworten. Und erst seit 2000 Jahren haben wir die monotheistischen Religionen.

Haben Sie Transzendenzerfahrungen? Viele gehen ja in die Berge oder in die Wüste, um Transzendenzerfahrungen zu tanken?

Da sage ich Ihnen gleich, ich brauche keine Rechtfertigung, um auf den Berg zu gehen. Es gibt ja Leute, die gehen aus Idealismus auf den Berg. Es braucht keine Rechtfertigung. Das ist reiner Selbstzweck.

Sie gehen also nicht hin, um bestimmte Gefühle zu haben?

Richtig. Und erst wenn ich in der Lage bin, das was ich erlebt habe, auszudrücken, hab ich eine Aussage gemacht, die vielleicht eine Zeit lang Bestand hat. Wenn ich heute ein bekannter Bergsteiger bin, hängt das weniger damit zusammen, dass ich irgendwelche Hügel hoch gestiegen bin. Das hängt damit zusammen, dass ich relativ viel gesagt habe.

Dass Sie viel zu sagen hatten…

Dass ich relativ viel gesagt habe. Ob ich dann was zu sagen hatte, wird sich in dreißig, vierzig Jahren weisen. Mich interessiert die Zugangsweise der Religionsstifter viel mehr als die Zugangsweise der Bergsteiger. Seit 250 Jahren maximal wird auf die Berge gestiegen. Vorher gab’s das nicht. Mit ganz wenigen Ausnahmen, in anderen Kulturen, bei den Inkas, und im Himalaya ein bisschen. Aber die Religionsstifter kommen alle vom Berg herunter.

Moses, ja. Und Jesus geht ja auch, bevor er dann ans Kreuz geschlagen wird…

Jesus hat die Bergpredigt gemacht, Buddha meditiert am Fuße des Himalaya unter den großen Bergen und bringt dann seine Erkenntnis an die Welt.

Hey – dann machen wir das bei Dachstein:Cult auch so! Wir machen oben die Kunst und bringen’s in die Welt!

Diese Geschichten interessieren mich viel mehr als die Bergsteigergeschichten.

ANGST

„Wenn ich das mache und das überlebe, obwohl ich weiß, dass ich dabei umkommen könnte, dann komm ich zurück und habe ein Gefühl des Wiedergeborenseins.“

Eine Frage zur Angst: Um die Angst zu kompensieren, kann man die Angstsituation vorwegnehmen und mitten hinein gehen in die Angst – ist das beim Extrembergsteigen so?

Das ist nicht richtig.

WIEDERGEBURT

„Wir wollen im Grunde nicht umkommen, aber fast umkommen.“

Haben Sie Angst, oder hatten Sie Angst in der Höhe?

Sowieso. Wir sind ganz normale Menschen. (skandiert die Silben:) Ganz nor-ma-le Men-schen. Und jeder normale Mensch hat Angst. Wenn jemand ein Profi ist, dann kriegt er in der Dachsteinsüdwand natürlich keine Angst. Aber je mehr ich kann, umso höher und schwieriger kann ich steigen, ohne dass mich die Angst zurückwirft. Aber wir alle, wenn wir an die Grenze des Machbaren kommen, kriegen so starke Ängste, dass wir es lassen. Wir können uns nur der Grenze des Machbaren nähern. Und die Bergsteigerei ist das Spiel, dorthin zu gehen, wo der Mensch nicht hin gehört und dort nicht umzukommen. Bergsteigen ist die Kunst nicht umzukommen. Und – das sind jetzt sehr interessante Sachen – wenn ich das mache und das überlebe, obwohl ich weiß, dass ich dabei umkommen könnte, dann komm ich zurück und habe ein Gefühl des Wiedergeborenseins. Das heißt, ich hole mir eine zweite Geburt. Und durch diese Tatsache erlebe ich emotional, dass das Leben das größte Gut ist, das ich habe. Und das will ich wieder, mit all meinen Fähigkeiten, Kreativität, Kraft…einsetzen und wieder haben. Wir wollen im Grunde nicht umkommen, aber fast umkommen.

Sie nehmen es also mit unser aller Menschenschicksal auf?

Was meinen Sie, warum ich so bekannt bin unter der heutigen Bergsteigergeneration?

Da gibt es viele Faktoren…

Nur einen Faktor!

Bitte!

Von den fünfzig besten Leuten aus meiner Generation leben noch zwei. Ein Engländer und ich.

Einfache Sache.

Einfach. Die anderen waren besser. Sie sind herunter gefallen. Oder sie sind erschlagen worden von einem Stein. (lächelt)

Sie lächeln…

Es ist sehr zynisch, was ich sage.

Hat man da nicht auch Omnipotenzgefühle und meint, man sei unsterblich?

Wenn Sie unsterblich werden wollen, müssen Sie früh herunter fallen. Um zum Helden zu werden, zum Mythos zu werden, müssen Sie früh sterben. Held kann ich keiner werden, da bin ich zu alt dafür.

Es ranken sich so viele geheimnisvolle, fast mythologische Geschichten um Sie.

Die Legenden entstehen, Sie können dagegen anschreiben, wie Sie wollen, weil die Vorurteile überwiegen. Die Zahl der Vorurteile der Menschen   ist mehr als Sie, die Sie mit Ihrer sachlichen Existenz im Grunde diese Vorurteile ja widerlegen.

URLAUB

Wie stehen Sie zur Südsee? Machen Sie da Urlaub?

Ich mache nicht Urlaub, sondern ich bin dauernd unterwegs. Ich unterscheide nicht zwischen Freizeit und Urlaub.

Sie sind Nomade?

Ich bin ein Halbnomade. So bezeichne ich mich selber. Ich reise sehr viel, mit und ohne Familie. Früher bin ich auch in die Wildnis gefahren. Ich fahre auch mit dem Schiff in die Antarktis.

RAMSAU AM DACHSTEIN

„Ramsau am Dachstein ist für mich ein Bild.“

Für mich sind Sie eine Figur, die Natur, Kultur, Kunst, Sport und extreme Grenzerfahrungen verbindet.

Das ist in der Tat so. Mich interessiert die kulturelle Seite mehr als die sportliche. Mich interessiert hier in dieser Landschaft viel mehr der Bauer da unten, ob das funktioniert, noch mehr als jetzt der Dachstein, der immer mehr verbaut zu werden droht. Ich frage mich, ob das vernünftig ist für diese schöne Gegend Ramsau. Ramsau hat ja eine ganz eindeutige Ausstrahlung für mich. Ramsau am Dachstein ist für mich ein Bild.

Zitate:

Ich war für Europa im Europaparlament.

Wenn ich ein Buch zu einer Reise mache, dann bin ich Autor. Vorher war ich Grenzgänger.

Bergsteigen ist die Kunst nicht umzukommen.


« zurück

Living Culture, Sparbersbachgasse 55/28, A-8010 Graz, 0664 / 50 38 300, redaktion(at)living-culture.at