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Von: Monika Wogrolly; Fotos: Jan Zischka

Mysterium Nitsch Teil 2 (Ausgabe V / 2008)

Zu Gast in Schloss Prinzendorf

Der Meister des Orgien-Mysterien-Theaters wurde heuer siebzig. Und ist kein bisschen leise. Kürzlich wurde ein Nitsch-Museum in Neapel eröffnet, Nitsch sprüht vor Plänen und Visionen.

Für 2009/10 hat sich der Mann, dem die Farbe Rot viel bedeutet, der aber selbst in Schwarz gekleidet ist, für einen Besuch auf dem Dachstein angesagt – bei Europas höchstem Kulturstützpunkt Dachstein:Cult – vorausgesetzt, so Nitsch wörtlich, eine Seilbahn fahre ihn hoch. Monika Wogrolly, Peter Hatzenbichler und Jan Zischka (Fotos) waren für Sie zu Gast beim „Prinzen von Prinzendorf“.

Herr Nitsch, wo tanken Sie Kraft? Gibt’s hier irgendwo einen Gymnastikraum?

Also Gymnastikraum gibt es hier keinen. (lacht, Anm.) Ich liebe Sport nicht sehr. Ich finde, dass das auch irrsinnig übertrieben wird, so dass man nichts anderes mehr im Hirn hat als ‚Gewinn’ und ‚Kalorienverlust’. Diese fürchterlichen Martergeräte, die es da gibt auf der ganzen Welt mittlerweile. Also, das vermag mich nicht zu interessieren. Das sind Folterkammern, wobei die Leute gar nicht wissen, dass sie sich selbst foltern. Ich tanke Kraft beim Spaziergehen, einem ordentlichen Rausch, bei einem gescheiten Essen. (Nitschs Assistent kommt herein und lässt den Meister ein Bild signieren, Anm.)

Ich mach am Dachstein ein Projekt, da kommen Künstler auf 2700 m…

Ist das nicht ungesund?

Im Gegenteil. Durch den Höhenaufenthalt vermehren sich die roten Blutkörperchen – das ist ein natürliches Doping, weshalb so viele Spitzensportler Höhentraining machen. Jetzt auch seit Dachstein:Cult Künstler!

Würden Sie einmal hinauf kommen, Herr Nitsch, das wäre das Höchste?

Ja, wenn ich rauf fahren kann. (Die Pfauen in Nitschs Schlosshof schweigen; Anm.)

Ich hab mich nie geschert um Österreich. Ich bin kein Patriot. Und das ist mir bei der Fußball Weltmeisterschaft immer so auf die Nerven gegangen. Und da hab ich mich ertappt, ich hab mir so gewünscht, dass die Österreicher mit Bomben und Granaten hinaus fliegen – wie´s jetzt auch der Fall war. …Und dann hab ich doch zu ihnen gehalten. Aber ich habe für Patriotismus nichts übrig. Ich bin auf der ganzen Welt zu Hause.

Aber trotzdem funktioniert es so, dass Künstler von staatlichen Institutionen gefördert werden…

Also, sobald ich da jetzt ein Museum kriege, sowohl hier als auch in Italien, werde ich eigentlich nicht von staatlichen Institutionen gefördert. Ich geb` ja denen das ganze Material und so, und da gab es auch solche Dinge wie „Ich bin ein Staatskünstler“ – das ist überhaupt nicht wahr. Ich möchte auch kein Staatskünstler sein. Wenn, dann bin ich ein Lokalpatriot – das Weinviertel, das liebe ich. Ich wäre gerne Kaiser des Weinviertels.

Prinz sind Sie zumindest.

Prinz ja, sagen wir, Prinz.

Die Gegend hier, die lieben Sie?

Ja, jetzt haben sie es halt mit diesen blöden Windradln … haben sie es versaut – die Gegend.

Wieso schauen Sie so? Hat das wer gelobt, weil sie jetzt so …?

(lacht) Ich…ich glaub’ ich muss hier raus!

Wieso? Das macht doch nichts. Oder kennen Sie einen Windradl-Besitzer?

Als wir hierher gefahren sind, habe ich zu meinen Kollegen gesagt, dass diese Weite auch etwas Beengendes, Bedrückendes für mich hat, wenn die Windräder nicht eine gewisse Dynamik hätten…

(Kopf schüttelnd) Na geh, hör auf! Das war schon eine Schnapsidee… aber ohne Schnaps.

Vom Weinviertel kommen wir zum Wein. Der Wein bringt einen ja auch Ekstase, nicht? Transzendenz, über das Seiende hinausgehend.

Ja, ja, ja. Ich meine, die Existenzphilosophie predigt, man soll hier sein, man soll da sein, und der Zustand ist eigentlich das Wichtigste. Das sagt sogar Wittgenstein, obwohl er einer ganz anderen Richtung angehört. Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist. Und diese ganze Trinkerei und die ganzen Drogen sind der Versuch diesem „dass“ näher zu kommen und das tatsächlich zu erleben. Und es ist ja so, dass musische Menschen meistens gerne trinken, weil sie die intensiven Zustände lieben.

Sie haben eine sehr innige Beziehung zur Sprache, Herr Nitsch, und gleichzeitig aber habe ich auf ihrer Webseite gelesen, dass Sie bestrebt seien, von der Sprache wegzukommen, sie zu überwinden.

Sprache als Ausdrucksmittel. Nach zwei Weltkriegen, würde ich sagen, singen die Vögel heute lauter, weil so viel Lärm ist. Sie müssen den Lärm übertönen. Ich konnte mit der Sprache kein Auslangen mehr finden damals. Ich wollte mit meiner Kunst zum direkten Ereignis, zum direkten sinnlichen Empfinden durchstoßen. Der Oswald Wiener hat die Sprache in irgendeiner Form überwinden wollen. Die Happening-Künstler auf der ganzen Welt. Wir wollten ja nur mehr eine performative Kunst ohne Sprache. Und von daher ist es auch heute noch meine Bestrebung, sprachlose Kunst zu machen. Zum Beispiel im Burgtheater. Das Burgtheater ist eigentlich das Institut, wo man sagt, es sei das wichtigste Institut deutscher Sprache. Und da war es mir sehr wichtig, dass auch das sprachlose Theater in diesem Institut aufgeführt wird. Ich habe natürlich mein ganzes Leben schon geschrieben… Die Regieanweisungen in meiner Theorie und die Beschäftigung mit der Sprachsubstanz lassen mich nie ganz los. Aber meine Arbeit war es (Pfauenschrei ganz laut; Anm. d. Red.) großes Theater zu entwickeln. (kurze Pause; Anm.) Naja, dann werd´ ich Sie jetzt durch das Haus führen lassen.

Danke.

Zitate:

NITSCH ÜBER DROGEN:

Diese ganze Trinkerei und die ganzen Drogen sind der Versuch diesem „dass“ näher zu kommen und das tatsächlich zu erleben.

NITSCH ÜBER SPORT:

Ich liebe Sport nicht sehr. Diese fürchterlichen Martergeräte der Fitnesscenter erzeugen mir Unbehagen, die es da gibt auf der ganzen Welt mittlerweile. Also, das vermag mich nicht zu interessieren.

NITSCHS ÜBER HEIMATLIEBE

Ich hab mich nie geschert um Österreich. Ich bin kein Patriot.

...ich wäre gerne Kaiser des Weinviertels...


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