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Von: Monika Wogrolly, Peter Hatzenbichler; Fotos: Diana Loibnegger

Nitsch INTIM (Ausgabe XI / 2010)

Sein Kleidungsstil: Hauptsache schwarz. Er mag es schlicht, aber prächtig.
Seine Tiere: Er liebt sie über alles.
Seine Schuhe: Nitsch vertraut von Kopf bis Fuß seiner Frau.

Sie haben eine „italienische Seele“ und halten sich auch oft in Italien auf.

Ich halte mich oft in Italien auf, hatte jüngst in Turin zwei sehr erfolgreiche Ausstellungen. Ich fühle mich von den Italienern und ihrer Mentalität sehr verstanden. Sie haben gern das Sinnliche, auch das Dramatische, und ich fühle mich dort sehr zuhause.

Was ist für Sie Genuss?

Das ist eine gute Frage, aber ich gebe Ihnen vielleicht eine schlechte Antwort [schmunzelt]: Wenn man sich ganz intensiv in positiver Hinsicht spürt.

Welche Rolle spielt für Sie Essen?

In meinem Fall sogar leider eine zu große Rolle [lächelt]. Ich esse wahnsinnig gern, es ist für mich ein intensiver Daseinsgenuss. Es gehört zum Leben dazu und ist für mich fast so wichtig wie Kunst. Wie Kunst, wie Erotik – Sinnlichkeit im weitesten Sinn. Es hängt alles zusammen.

Manches Mal scheint Essen auch wie Arbeit, wenn Sie zum Beispiel ein mehrgängiges Menü in einem feinen Restaurant genießen. Da hat Essen einen geradezu ritualisierten Charakter.

Aber das ist doch schön, wenn das Essen ritualisiert wird. Achleitner von der Wiener Gruppe hat zu mir immer gesagt, es muss eine Vorbereitung zum Fest geben – weil ich ja immer von Lebensfest rede, was ich auch ernst meine. Dann ist auch die Vorbereitung zum Fest ein Bestandteil des Festes.

Gibt es überhaupt Raum und Zeit oder sind das nur Kategorien unseres Verstandes?

Die Zeit ist ein Ergebnis der Zeitlichkeit und die so genannte Zeitlichkeit ist das Messen von Anfang und Ende einer gewissen Gegebenheit im Raum der Unendlichkeit und Ewigkeit. Zeit ist der Versuch, die Vergänglichkeit irgendwie zu messen. Aber in Wirklichkeit gibt es keine Zeit, es gibt nur Ewigkeit. Die so genannten zeitlichen Ereignisse sind Zerschneidung, Zerstückelung der Unendlichkeit.

Viele glauben noch immer, dass Sie Tiere nicht mögen, weil in Ihren Aufführungen auch inszenierte Schlachtungen vorkommen.

Das ist ein furchtbares Missverständnis. Ich habe über zwanzig Pfauen, einen Esel, drei Ziegen, zwei Gänse, jede Menge Hühner, drei Hunde, zwei Katzen.

Stimmt es, dass Sie die Ziege angeschafft haben, um dem Esel Gesellschaft zu geben?

Ja, das muss man so machen. Dieser eine Esel allein wäre sehr arm, der würde ja liebeskrank werden.

Also ist das Image falsch, dass Sie Tiere nicht gern haben.

Im Gegenteil, ich zeige den Tod der Tiere. Normalerweise kaufe ich die Tiere bereits geschlachtet oder es sind Tiere, die unbedingt zur Schlachtung bestimmt sind und dann hier geschlachtet werden. Wir haben mit einer Metzgerfirma einen Vertrag geschlossen, die Tiere hier zu schlachten und dann sofort abzutransportieren. Damit der Tod sich veranschaulicht.

Ist Ihnen Kleidung wichtig?

In der Idealvorstellung ja, in der Praxis nicht, weil ich mich immer gern schmutzig mache.

Welche Beziehung haben Sie zu Gott?

Ich bin neugierig, was Sie mich noch fragen werden! Es gibt im ersten Teil von Goethes „Faust“ eine wunderbare Szene, in der Faust dem Gretchen erklärt, wer oder was der liebe Gott ist. Ich würde sagen, der liebe Gott ist das Sein, alles was ist. Vielleicht ein etwas erweiterter Pantheismus.

Ihr Schloss war früher in katholischem Besitz. Spürt man das noch?

Ja, man sieht es schon an der Architektur. Das Schloss war in Besitz eines äußerst strengen Ordens, die Mitglieder durften nicht sprechen und ernährten sich vegan.

Wie viele Quadratmeter nutzen Sie zum Wohnen?

Ich nutze natürlich viel für die Kunst, viele Räume sind auch Ausstellungsräume. Aber ich nutze das ganze Schloss. Wenn es regnet, gehe ich auch im Schloss spazieren [schmunzelt].

Ich denke an das Schuhbild van Goghs, dass Heidegger beschrieben hat. Welche Beziehungen haben Sie zu Schuhen?

Mein verstorbener Hund Fredi hat den Landeshauptmann in den Schuh gebissen und den Sommerschuh aus Sämischleder durchgebissen. Ich habe ihm dann als Entschädigung für die zerbissenen Schuhe meine Malschuhe geschenkt. Es gibt mehrere Leute, die Malschuhe von mir besitzen, ich gebe sie aber nur an Freunde weiter. Nicht als Kunstwerk, das wäre zu originell und anekdotisch, das würde ich überhaupt nicht wollen.

Dass man Sie in einem Schuhladen in der Kärntnerstraße trifft, kann also nicht passieren?

Das macht meine Frau mit mir. Ich habe kein großes Interesse an Kleidung – sie muss nur schwarz sein. Schwarz und schön, einfach. Schlicht, aber prächtig [schmunzelt]!  

Zitate:

Ich esse wahnsinnig gern, es ist für mich ein intensiver Daseinsgenuss. Es gehört zum Leben dazu und ist für mich fast so wichtig wie Kunst. Wie Kunst, wie Erotik – Sinnlichkeit im weitesten Sinn. Es hängt alles zusammen.

Künstler sind extrem mitschöpferisch, weil sie extrem das Sein erfahren und durch ihre Arbeiten weitergeben.
„Mein verstorbener Hund Fredi hat den Landeshauptmann in den Schuh gebissen und den Sommerschuh aus Sämischleder durchgebissen. Ich habe ihm dann als Entschädigung für die zerbissenen Schuhe meine Malschuhe geschenkt.“
Nitsch liebt Tiere.
Sein Orgien-Mysterien-Theater soll die Wirklichkeit der Fleischindustrie vor Augen halten


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