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Von: Monika Wogrolly; Fotos: Arnold Pöschl

Sind Sie eine Liebende, Frau Erika Pluhar? (Ausgabe VI / 2009)

Zu Gast bei jener Frau, die Udo Proksch und Andre Heller „überlebte“

Wien – Döbling. Ein Wintersonnentag; ein Hauch Frühling liegt in der Luft. Es gibt Kaffee. Frau Pluhar trägt meineTasse, als wir von oben ins Erdgeschoß wechseln. Ich beobachte die sportlich-schlanke Frau, die auf einem weißen Sofa vor kahlen Wänden mit ihren Hunden spielt, mit der Versunkenheit eines Mädchens und der Aura einer weisen Frau.

Sie wurden soeben unglaubliche unfassbare 70, Frau Pluhar…

Für mich selbst ist es weder unglaublich noch unfassbar. Es ist schon ab und an ein wirklich bedrängendes Gefühl, wie lange man gelebt hat. Es vergeht natürlich im Nu, und man ist siebzig – aber wenn ich mir überlege, es gab Zeiten, die erscheinen mir wie ein anderes Leben. So als hätte ich schon mehrere Leben gelebt. Wenn ich etwa an mein Schauspielerleben denke, an die Zeit, als ich Filme drehte, an die Zeit meiner Ehen. [1. Ehe mit Udo Proksch, in 2. Ehe André Heller Anm. d. Red.]

Was sagen Sie zu Ihrem Image einer „Femme fatale“?

Das ist ein Kunstbegriff, denn was das schon eine „fatale Frau“? Das Image entstand aus meinen Rollen. Ich habe in „Bel ami“ eine kühle Frau mit großer Wirkung auf Männer gespielt. Das hab ich scheinbar gut gespielt. Sehr bezeichnend für das Frausein ist, dass ich in dieser Zeit als Frau am unsichersten war. Entschuldigen Sie bitte [steht auf und rückt ihrem Hund „Zecherl“, einem bairischen Schweißhund, einen Stuhl aus dem Licht; Anm.]… Wie auch die Hunde schon den nahenden Frühling genießen…

Vor Ihrer Schauspielkarriere haben Sie bereits geschrieben: War Erika Pluhar demnach Schriftstellerin, noch bevor sie ans Reinhardt-Seminar ging?

Ich hätte mich damals aber nie im Leben als Schriftstellerin bezeichnet! [lacht; Anm. d. Red.] Das lag wohl am Zeitgeist: Schauspielerin zu werden, war in meiner Jugend irgendwie genehmigt, weil man ja Schauspielerinnen brauchte. Noch dazu bestand ich mit achtzehn die Aufnahmsprüfung ins Reinhardt-Seminar und war zwei Jahre später am Burgtheater. Das ging ganz naht- und klaglos. Ich hab’ damals schon geschrieben, doch ich hätte nicht an Veröffentlichung gedacht. Dazu musste ich erst vierzig Jahre alt werden. Mein autobiografischstes Buch „Am Ende des Gartens“ enthält Auszüge aus meiner Kindheit und Jugend. In diesem Buch sind auch Texte, die ich als junges Mädchen mit Feder und Tinte in große schwarze Kassabücher schrieb. Ich hatte schon sehr früh recht kritische Kommentare zum Theater, zum Leben, zu Liebe, Lust und Schmerz verfasst. Das waren Notizen und Reflexionen, keine jungmädchenhaften Tagebucheinträge. Ich hab immer geschrieben – Mein Leben hat anders nicht funktioniert. Vor kurzem hatte ich ein schönes Erlebnis am Münchner Flughafen: Eine ganz junge Kassiererin im Duty free  fragte mich, als sie meine Bordkarte sah: „Entschuldigen Sie, sind Sie die Schriftstellerin Pluhar?“ Das hat mich wirklich sehr bewegt. Denn für gewöhnlich werde ich nur gefragt, ob ich „die Erika Pluhar“ bin, nicht aber „die Schriftstellerin Pluhar“. Ich habe erkannt, dass dieser jungen Person ziemlich egal war, was ich vorher alles war… Die kennt mich einfach aus meinen Büchern! [lächelt Anm.]

Ihnen selbst ist im Leben Dramatisches widerfahren – allein in den existenziellen Situationen, in denen Sie sich wiederholt befanden.

Als meine Tochter starb, war ich gerade im Studio. Wir haben eine CD aufgenommen, die auch schon einen Titel hatte, und zwar „I gib net auf“, was auch rückblickend betrachtet schicksalhaft war. Zwei Wochen später hab ich diese CD zu Ende geführt, und wir haben ein Lied dazu genommen; alle Freunde von Anna sind ins Studio gekommen und haben mitgesungen. Ich konnte einiges von meinem Schmerz erlösen, indem ich es künstlerisch ausdrücken konnte. Durch dieses Tun bin ich nicht erstarrt, obwohl ich eine Zeitlang schon wie hinter Glas war. Und wenn man nicht abstirbt, greift das Leben wieder nach einem. Und Anna war mit hinein verwoben in dieses Tun. Das hat mich davor bewahrt zu erstarren. Ich habe nie etwas verdrängt; die Gegenwart meiner Tochter ist hier bei mir, in mir. Dafür braucht man keinen Himmel und keine Wolken und kein Jenseits. Ich unterhalte mich mit ihr – mag sein, dass das ein Dialog mit mir selbst, mit meinem Selbst ist, ist egal. Sie ist einfach in meinem Erinnern, in meinem Bewusstsein ganz lebendig. Die Menschen, die ich verloren habe, begleiten mich.

Das ist eine sehr melancholische Unterhaltung, Frau Pluhar…

Ja, aber sind wir Menschen nicht unendlich tapfer? Wir leben und wissen, dass wir gehen müssen. Ich hab eine Parabel für das Leben gefunden: Als ich ein junges Mädchen war, schwammen ein paar Burschen mit mir in Korneuburg durch Wasserstrudel in der Donau durch, und ich hab mich gefürchtet. Sie sagten zu mir: „Erika, wenn du hinter dir den Strudel siehst, dann halt’ dir die Nase zu und dann musst du warten, bis du unten auf die Steine kommst. Dann stößt du dich ab und kommst wieder rauf. Tu ja nicht zwischendurch strampeln!“ Und dieses sich wirklich Auf-den-Grund-Hinunterlassen – der Traurigkeit oder des Schmerzes oder des Unglücks – das ist für mich die Parabel. Ganz unten, wenn man den tiefsten Grund berührt - dann hat man die Möglichkeit wieder hoch zu kommen. Das hab ich mir eingeprägt und wusste noch gar nicht, wie sehr ich das in meinem Leben würde brauchen können.

Themenwechsel: Was bevorzugen Sie kulinarisch? Essen Sie auch Fleisch?

Ja, auch. Aber ich versuche, das möglichst gering zu halten und bleibe lieber bei den Teigwaren und Eiernockerln… Denn mit einem Rind oder Schwein könnte ich mich jeder Zeit befreunden… [schmunzelt; Anm.]

Von den Rindern und Schweinen zu den Männern: Sie hatten Ehen und Lebensabschnitts-partnerschaften mit „schwierigen, aber kreativen Männern“ – ob das Udo Proksch, André Heller oder Peter Vogel war. Haben Sie etwas daraus gelernt für Ihr Leben?

Es waren alles wirklich schwierige Begegnungen, schwierige Beziehungen. Aber nachträglich stehe ich voll dazu. [Pause; Anm. d. Red.] Gerade Proksch und Heller musste man überleben. [Pause; Anm.] Aber es ist mir gelungen. Und mit dem Udo, der der Vater meiner einzigen Tochter Anna war, hab ich dann im Gefängnis [Anm. d. Red.: Udo Proksch saß wegen 6-fachen Mordes an bei der Lucona-Affäre ertrunkenen Matrosen in der Grazer Karlau] berührend schöne Gespräche geführt, die unsere ganze verworrene und zum Teil auch schreckliche Ehe zurechtrückten. Liebevolle Gespräche. Kurz nach Annas Tod hat er dann aufgegeben. Er starb an gebrochenem Herzen. Wir waren einander wirklich nah, es hatte sich alles verändert. Bei Proksch und bei Heller hab ich sehr lehrend für mich erfahren, was ich nicht will. Ich hab dann genau gewusst: So nicht für mich! Bei beiden waren dieser Anspruch auf Macht und auch ihr Umgang mit den Medien. Ich habe nichts gegen Information, bin auch relativ offen, aber ich stimme der Bibelstelle zu, wo es heißt, dass man die Händler aus dem Tempel werfen muss. Aus meinem Tempel werfe ich die Händler unentwegt hinaus, falls Sie verstehen, was ich damit meine. [schmunzelt]

Wie ist Ihr heutiges Verhältnis zu Ihrem zweiten Ehemann André Heller?

Er hat im Lauf der Jahre sehr an sich gearbeitet. Und nach Annas Tod war er wirklich an meiner Seite. Viele waren fassungslos und blieben auf Dis-tanz, aber er war da und stand mir zur Seite. Mein Lebensgefährte Peter Vogel, der dann leider Hand an sich legte, hat mir sehr zu meinem weiblichen Selbstverständnis verholfen. Das war der, der gesagt hat: „Geh’, färb dir doch nicht die Haare, ich hab’s so gern, wenn du diese grauen Strähnen dazwischen hast“ – Der hat mich als Frau sehr bestätigt. Und es hat mir sehr weh getan, dass ich ihm nicht eine ähnliche Lebensbestätigung bieten konnte. Er war ein sehr süchtiger Mensch. Der Peter hat seinen Selbstmord geplant. Er hatte eine große Lebensangst. Er versuchte mir zu erklären, dass er sich vor dem Tod nicht mehr fürchte als vor dem Leben. Ich konnte seinen Selbstmord akzeptieren, weil ich wusste: Es war eine stolze Tat für ihn, keine elende Tat. Er wollte mit dieser Unfähigkeit der Sucht gegenüber nicht weiterleben. Er wollte noch mit einiger Würde gehen.

Können Sie jemanden als die „Liebe Ihres Lebens“ bezeichnen?

Wo ich geliebt habe, hab ich geliebt. Ein wichtiger Mensch, der aber verheiratet war und mit dem ich nie zusammenlebte, war Antonio d’Almeida, der portugiesische Komponist – durch ihn wurde ich zur Musikantin, obwohl ich nicht Noten lesen und kein Instrument kann. Ich habe auch eine tiefe Beziehung zu Portugal, wenngleich ich die Sprache nicht spreche. Ich habe das Gefühl, als würde ich dort ein bisschen hin gehören. Diese Liebe hat die meiste Veränderung und Erneuerung in meinem Leben gebracht.

Sind Sie derzeit „verliebt“?

Ich stehe dem eher hormonell bedingten „Verliebt-Sein“ skeptisch gegenüber. Da bevorzuge ich es zu lieben.

Sie sind eine Liebende?

Eine Liebende bin ich mit Sicherheit.

Zitat:

Bei Proksch und bei Heller hab ich sehr lehrend für mich erfahren, was ich nicht will.

Erika Pluhar:

Wie auch die Hunde schon den nahenden Frühling genießen...


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