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Die Fragen formulierten Michael Fleischhacker und Lukas Wogrolly.
Den Bellini in Harry‘s Bar tranken Claudia Griendl, Christian Jungwirth und Monika Wogrolly
Übersetzung: Lukas Wogrolly; Fotos: Christian Jungwirth

The old man on the bar

Michael Fleischhacker, Chefredakteur

„Die Presse“: 

Herr Dr. Cipriani, ist es für Sie nicht schon ein bisschen nervig, wenn die Leute zu Ihnen in Harry’s Bar immer mit einer bestimmten Erwartungshaltung kommen?
Hängt davon ab, mit welcher Erwartungshaltung. Wenn sie bereit sind, die Rechnung zu bezahlen, gut so. Das nervt mich nicht.

MF: Was sagen Sie dazu, dass das Carpaccio etwas für Kannibalen, währen der Bellini ein Getränk für Kinder sei? Was würden Sie auf eine derartige Behauptung entgegnen? [Beide sind in Harry’s Bar erfunden worden; Anm. d. Red.]
Wir waren immer ein bisschen misstrauisch gegenüber Vegetariern und Veganern. Sie haben eine Sicht des Lebens, die nicht mit der unsrigen übereinstimmt. Die Kinder hingegen sind noch unschuldig. Für sie ist der Bellini kein alkoholisches Getränk.

LIVING CULTURE: Arrigo, wie fühlen Sie sich, wo Sie soeben 80 Jahre alt geworden sind?
Die Gefühle sind unterschiedlich. Es ist schön, den Schrank zu öffnen und zu sehen, dass ich keinen Schneider mehr brauche. Und ich habe keine Schuldgefühle, wenn ich einer Frau sage: „Ich werde dich bis ans Ende meiner Tage lieben.“
 
Erzählen Sie uns, warum Sie als Venezianer und als heutiger Inhaber des berühmtesten Venezianer Lokals am 23. April 1932 in Verona geboren wurden!
Als ich geboren wurde, war meine Mutter in Verona. Ich habe versucht, von meinem Vater geboren zu werden, aber es war nicht möglich.

Bekanntlich wurde Harry’s Bar in Venedig am 13. Mai 1931 eröffnet, als Sie noch nicht einmal im Bauch Ihrer Mutter waren. Was ist Ihre allererste bewusste Erinnerung an Harry’s Bar? Haben Sie je Harry Pickering getroffen, von dem das Lokal seinen Namen bekommen hat?
Meine erste bewusste Erinnerung war, als ich mit 18 Jahren endlich hinter die Kassa gestellt wurde. Ich habe Harry Pickering 1948 kennen gelernt. Er war sehr sympathisch und hieß Harry. Fast wie ich...

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Ernest Hemingway die erste einer langen Reihe von berühmten Persönlichkeiten, die in die Harry’s Bar kamen. Vor allem als Hemingway zu Besuch war, waren Sie noch ziemlich jung. Woran erinnern Sie sich?
Bei Hemingway erinnere ich mich, dass ich kein Englisch konnte, daher war es sehr schwierig für mich, ihn zu grüßen, indem ich “Good morning” sagte. Meine Aussprache war fürchterlich schlecht.

Welche Celebrity, die in Harry’s Bar im Laufe der Jahre bis zum heutigen Tag gekommen ist, hat Sie am meisten von allen beeindruckt und warum?
Mich haben sehr beeindruckt Orson Welles, weil er intelligent war und sehr groß und Truman Capote, der ebenfalls intelligent war und sehr klein. So habe ich verstanden, dass die körperliche Größe nichts mit Intelligenz zu tun hat. 

Ihr Vater, Giuseppe Cipriani, ist als Gründer von Harry’s Bar bekannt. Was denken Sie, worauf können Sie am allermeisten stolz sein, was Ihre berufliche Laufbahn anlangt? 
Ich bin froh, Harry’s Bar noch nicht zerstört zu haben. Ich bin nicht froh, 350.000 Stück des Kochbuches, das in vier Sprachen übersetzt wurde, verkauft zu haben und nur 10.000 Stück meiner Romane. Weil die Romane besser sind als das Kochbuch. 

Abgesehen von Ihren beruflichen Erfolgen mit der Marke CIPRIANI und Harry’s Bar, auf welche Art finden Sie, dass Sie mit Ihrem Leben zufrieden sind (vor allem im privaten Bereich)?
Ich bin sehr zufrieden vor allem damit, noch am Leben zu sein und die Kraft zu haben, so zu tun, als ob ich arbeiten würde, ohne es sehen zu lassen. 

Erzählen Sie uns etwas mehr über die Expansion von Harry’s Bar, also die Geschichte mehr “Filialen” zu haben, ab gesehen vom Venezianer Stammhaus!
Harry’s Bar ist ein Zimmer von 4,5 x 9 Metern. Wir haben versucht, sie zu verbreitern, aber es war nicht möglich, die Wände zu verschieben, ohne dass das Haus einstürzen würde. 

Also haben wir versucht, Harry’s Bar auf der ganzen Welt bekannt zu machen, aber nicht mit demselben Namen, weil die Gäste hätten sofort bemerkt, dass es nicht das Gleiche war. So ist es nämlich allen ergangen, die den Namen „Harry’s Bar“ kopiert haben. Wir hingegen haben identische Kopien gemacht, die wir aber anders genannt haben. Fast immer “Cipriani”. Mir scheint, es hat funktioniert. 

Erzählen Sie uns ein bisschen mehr über das, was über die Lokale auf der ganzen Welt hinausgeht, also das Catering, die Kleiderlinie, die Residences, die Kochkunst (die Exklusivprodukte Bellini und Carpaccio)!
Ich denke, das beste Produkt, das ich gemacht habe, ist die Pasta. Die Pasta Cipriani.

Wieso haben Sie nicht die Bezeichnung “Harry’s Bar” patentieren (schützen) lassen, sodass es heute sehr viele andere Lokale mit demselben Namen gibt, die natürlich nicht mit dem Venezianer Original vergleichbar sind?
Wie war diese Sache mit der geschützten Marke „Cipriani“? In was für einer Hinsicht gibt es da Beschränkungen, weil es es kann ja z. B. sein, dass wenn, einer jüngsten Entscheidung eines italienischen Gerichts zufolge man niemandem verbieten kann, ein Lokal mit dem eigenen Nachnamen zu eröffnen und Cipriani ein ziemlich verbreiteter Nachname in Italien ist, dann könnte jemand anderer eine Bar mit dem Namen „Cipriani“ eröffnen, wie Ihre Marke..?

Den Namen patentieren zu lassen nützt nur denjenigen, die den Namen eines anderen sich zu Nutze machen wollen. In England haben wir die Causa, die uns das Hotel Cipriani von Venedig einbrachte, das mein Vater erbaut hatte, verloren, weil die Eigentümer den Namen registriert haben, ohne jegliche Absicht, ihn zu verwenden. Wir haben verloren und mit den Ausgaben für die Rechtsanwälte haben wir 19 Millionen Euro an Schaden zahlen müssen. 

Wie hat sich die Harry’s Bar im Laufe der Zeit gewandelt, was ist gleich geblieben und was hat sich hingegen verändert? 
Im Laufe der Jahre ist die Miete sehr gestiegen.

Sie waren vor einiger Zeit in den Schlagzeilen, weil es Probleme mit dem neuen Vertrag der Kellner gab, weshalb für einen kurzen Zeitraum Sie selbst, zusammen mit ein paar Barmännern und der Kassierin, die Leute am Tisch bedient haben, während die Kellner streikten…
Eines Abends sind die Kellner hinaus gegangen und haben mich drinnen zurück gelassen, mit den Geschäftsführern, Köchen, der Kassierin und den Gästen. Niemand hat das bemerkt. Abgesehen von den Journalisten, die von den Kellnern gerufen wurden.

Wir haben schon von der geschützten Marke „Cipriani” gesprochen. Sie haben diesbezüglich jüngst eine Gerichtscausa gewonnen.
Die Causen sind wie Fußballspiele. Man gewinnt sie und man verliert sie. Jetzt führen wir zwei zu eins. Aber das Spiel ist noch nicht aus. 

Ein wichtiger Faktor der gesamten Firma CIPRIANI ist die Familie. Erklären Sie uns, in welcher Art und Weise einige Ihrer Verwandten an der Führung und Verwaltung der verschiedenen Lokale beteiligt sind und welche Beziehung Sie zum Gründer von Harry’s Bar, Ihrem Vater Giuseppe Cipriani hatten! Zum Beispiel die „Locanda Cipriani“, die auf der Insel Torcello liegt, ist nicht Teil der Firma „Cipriani“, auch wenn sie von einigen Ihrer Verwandten betrieben wird, nicht wahr?
Wenn es eine Familie gibt, ist Entwicklung notwendig, weil sie sehr teuer ist. Mein Vater war der beste Mensch, den ich je kennen gelernt habe. Mein Lehrer. Auch er war klein, was seine Statur anlangte, aber von höchster Intelligenz.

Was haben Sie in Zukunft für Projekte? Gibt es weitere Expansionen, die in Planung sind?
Giuseppe, mein Sohn, ist in großer Expansion. Es wird neue Lokale geben, auf Ibiza, in Monte Carlo, Miami und weitere. Er ist tüchtig wie sein Großvater.
Ich persönlich bin unentschlossen ob ich mich einäschern oder begraben lassen soll. Sicherlich werde ich bei meinem Begräbnis nicht dabei sein, weil ich es nicht machen werde. Es wären zu viele geladene Gäste. 

Was war für Sie – allgemein gesehen, ohne jetzt die Firma CIPRIANI, die Harry’s Bar etc. in Betracht zu ziehen – der schönste Moment innerhalb der letzten 80 Jahre und was war hingegen der schrecklichste Moment? Haben Sie noch irgendeine Rechnung offen?
Das Leben ist eine Geschichte, an die ich mit großer Freude zurückdenke. Unter den schlimmsten Dingen, an die ich mich erinnere, war, als ich aufgrund meines Alters gratis in die Museen durfte.

Was wünschen Sie sich für die nächsten 80 Jahre?
Ich hoffe, dass es weiterhin Leber auf Venezianer Art mit Zwiebel gibt, und dass alle selbstbezogenen Chefs der Reifenführung nach Sibirien geschickt werden.


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