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Von: Monika Wogrolly; Fotos: Living Culture

Welche Beziechnung haben Sie zu Tieren, Herr Professor Hermann Nitsch? (Ausgabe X / 2009)

Schloss Prinzendorf: Wir sind zum 3. Mal zu Gast in der
niederösterreichischen Idylle. Während Frau Nitsch uns zum
Mittagstisch lädt, zeigt sich der Meister von seiner tierlieben Seite.

Herr Nitsch, Sie komponieren die Musik der atmenden Töne und kennen auch viele Dirigenten und Musiker. Was verbindet Sie mit David Bowie?

Ich kann da nur den Hut vor ihm ziehen. Ich mache keine Unterscheidung zwischen klassischer Musik und anderen Musikrichtungen. Er ist ein großer Ausdruckskünstler und ich vermag ihn sehr zu schätzen.

Besteht zwischen Ihnen eine Freundschaft?

Wir haben uns kennengelernt, und es besteht eine gegenseitige Achtung, mehr nicht. Trotz mehrfacher Begegnungen sind wir einander fremd geblieben.

Besitzt David Bowie Werke von Ihnen?

Das weiß ich gar nicht, aber er hat Fotos von Aktionen für seine Bücher verwendet.

Es ist interessant: Vor vielen Jahren hat David Bowie in Wien ein Konzert gegeben und er wollte die Werke von Egon Schiele sehen. Es gab aber einen Streik und im Zuge dessen kein Geld und kein Aufsichtspersonal. Er hat dann interveniert und irgendwer hat dann die Aufsicht bezahlt, und er durfte dann Klimt, Schiele, Gerstl und andere sehen. Er hat sich immer sehr für die Wiener Kunst interessiert.

Welche Beziehung haben Sie zu Tieren?

Sie sind mir wichtig, Begleiter im Leben und große Rätsel. Es ist nicht so einfach zu sagen, dass Tiere unbedingt weniger erfahren als wir – sie erfahren die Welt anders. Das ist natürlich eine Kritik an Heidegger. Er sagt, Tiere haben eine „Weltarmut“ – das würde ich mich nicht getrauen so zu sagen. Sie haben sehr stark in die Tiefe gehende Sinne und haben oft ein sehr schönes vegetatives Dasein. Denken Sie nur an eine Kuh mit ihren vielen Mägen, die ihr Leben wiederkäuend verbringt. Bei vielen Tieren, gerade bei Schafen, Kühen, Ziegen und so weiter bedeuten Essen und Arbeit eine Einheit. Bei Raubtieren ist das anders, sie lauern, warten, die Anspannung wird groß und schließlich kommen sie zum Essen. Und Hunde müssen warten, bis sie von uns was zu essen bekommen. [lächelt] Früher sind sie ja in Rudeln durch die Wälder gezogen und haben sich gemeinsam ernährt. Es ist interessant, wie weit sich Arbeit und Essen teilen lässt.

Was verbinden Sie mit Graz?

Ich habe Graz in den sechziger Jahren bewundert, weil dort viel für Kunst getan wurde: Handke, Roth, Kolleritsch mit seiner Zeitung, Oswald Wiener wurde abgedruckt – irgendwie hat es für mich künstlerischer Aufbruch bedeutet. Mich selber haben die Grazer aber nie so geliebt: 1981 gab es eine Ausstellung von mir im Kulturhaus, da haben sie einen Misthaufen davor abgeladen. In den Kasematten gab es auch einmal eine Aufführung von mir, da wurde im Vorfeld auch sehr viel polemisiert.

Mehr als in anderen Städten?

Nein, durchaus nicht. Sagen wir es so: Graz ist in die Reihe der Städte aufgenommen worden, die gegen mich protestiert haben.

In Wien war es nicht so?

[lächelt] In Wien, im Sinne dessen dass es meine Heimat ist, war es viel ärger. Ich bin dort ja dreimal eingesperrt worden. In Graz war ich immer nur ein bisschen Gast.

Früher wurden Sie eingesperrt. Wie ist jetzt die Reaktion auf Ihre Kunst?

Ich glaube, jetzt tun sie mir nichts. Sie haben mich auch eingeladen, im Künstlerhaus eine Ausstellung zu machen über mich und meine Freunde.

Wie deuten Sie diesen Effekt der Aggression gegen Sie, die Verhaftungen, die Kritik?

Das hat man auch mit anderen gemacht. Mit Schiele zum Beispiel, mit Kokoschka. Neues hat immer mit Tabubruch zu tun. Die Wilden sind gestorben, wenn sie Tabus gebrochen haben: Sie sind abseits in den Wald gegangen, um zu sterben. Heute ist es noch immer schwierig, ein Tabu zu verletzen, aber muss deshalb nicht gleich sterben.

Meinen Sie, dass Sie durch diese Kränkung, die Sie der öffentlichen Meinung zugefügt haben, der Menschheit einen Gefallen getan haben?

Ich glaube nicht, dass ich die Leute kränke. Das sind ja auch alle Aggressionsbündel, und wenn sie etwas nicht verstehen, reagieren sie niedrig und gemein, um es so zu sagen.

Ist Ihre Kunst zu verstehen? Können Sie es uns erklären?

Hier sehen Sie mein neues Buch, „Das Sein“, es hat 1080 Seiten.

Zitate:

ÜBER KUNST:

Ich bin der Meinung, dass Kunst im Allgemeinen nicht nur laben soll. Sie soll zutiefst ergreifen, und dazu gehört auch, dass man bis an die Schmerzgrenze geht.

ÜBER DAVID BOWIE:

Wir haben uns kennengelernt und es besteht eine gegenseitige Achtung, mehr nicht. Trotz mehrfacher Begegnungen sind wir einander fremd geblieben.

ÜBER GRAZ: 

Mich selber haben die Grazer aber nie so geliebt: 1981 gab es eine Ausstellung von mir im Kulturhaus, da haben sie einen Misthaufen davor abgeladen.

Über Tiere:

Es ist nicht so einfach zu sagen, dass Tiere unbedingt weniger erfahren als wir – sie erfahren die Welt anders


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