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Von: Jan Zischka, Monika Wogrolly; Fotos: Elfi Hasenhütl

Wie erklären Sie Gott, Herr Bischof Kapellari? (Ausgabe V / 2008)

Herr Bischof, wie kann man sich heute Gott vorstellen?

Einerseits überhaupt nicht, weil kein Bild ausreicht, und weil Theologen das immer schon gewusst haben. Andererseits haben wir Sprache und Sinne, wir können nicht darauf verzichten, wenn wir an Gott denken, Bilder zu gebrauchen und Worte. Zugleich sollten wir sie zwar nicht auslöschen, aber durchstreichen, denn sie genügen nicht. Augustinus hat gesagt: „Si comprehendis, non est Deus“. Wenn du es verstehst, dann ist es noch nicht Gott. Ein dominantes Bild von Gott nennt ihn ‚Vater’. Wir können als Christen nicht darauf verzichten. Aber wenn der eigene Vater z. B. für einen jungen Menschen übermächtig oder harmlos schwach ist, dann wirft das einen schweren Schatten auch auf die religiöse Rede von Gott als Vater. Paulus hat am Athener Areopag ein anderes Bild von Gott angesprochen: Gott als Atemraum. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, hat der Apostel gesagt.

Wie erklären Sie einem kleinen Kind oder einem Außerirdischen, was Gott ist?

Ich würde anfangen, ihm Geschichten über meinen Gott zu erzählen.

Living Culture wird auch in Italien gestreut, Triest und Venedig, wie ist Ihre Beziehung zum Nachbarn im Süden?

Mein italienischer Name sagt darüber schon viel. Er wird jetzt zwar mit K geschrieben, ist aber früher mit C geschrieben worden, die namensgebenden Vorfahren stammen aus Friaul. Ich habe Italienisch erst als Bischof gelernt. Von allen Fremdsprachen, die ich mehr oder weniger spreche, ist mir Italienisch die liebste. Ich kenne auch alle von Ihnen genannten Städte und liebe das Triveneto sehr.

Wobei empfinden Sie persönlich Glück?

Das ist so ein großes Wort. Man müsste es in vielen Wörtern auflösen. Ich bin ein glaubender Mensch und glücklich, wenn ich im Frieden mit dem, was ich unter Gott verstehe, und im Frieden mit mir selber bin, wozu immer wieder der Friede mit anderen Menschen gehört.

Was ist Ihre persönliche Energiequelle im Alltag?

Das Dasein für viele Menschen. Und natürlich immer das Gebet und die Liturgie. Wenn ich das nicht hätte, wäre der lange Atem, den ich brauche, um so vielen Menschen zu helfen, viel, viel kürzer.

Haben Sie manchmal Angst?

Habe ich jetzt nur noch selten. Sorgen habe ich schon. Es wächst im Alter das Gefühl der Geborgenheit auch durch manche Erschütterungen hindurch. Man muss zwischen Sorge und Angst unterscheiden, Sorgen habe ich natürlich schon: Sorge, wie es mit der Kirche weitergeht, Sorge um viele konkrete Menschen, um Kranke; ich kenne junge Leute, die krebskrank sind und damit schwer fertig werden. Aber Angst würde ich das nicht nennen. Ich fühle mich da von Gott getragen, ich habe immer wieder erlebt, dass eine Türe aufgeht, nachdem zwei andere zugefallen sind. Die Kirche ist nach meiner Überzeugung ein unsinkbares Schiff. Ich habe aber Sorge darum, dass die Kirche, auch die mir anvertraute Kirche, immerhin eine Diözese mit fast einer Million getaufter Katholiken, dass die viel schmäler werden könnte. Ich weiß, dass sie langfristig nur dann breit sein kann, wenn sie tief ist. Das ist wie bei einem Baum. Für eine breite Krone braucht er auch viele tiefe Wurzeln.

Die Tendenz?

Wir leben nicht in einer Gründerzeit, sondern in einer Zeit des Durchstehens. Es gibt ja Gründerzeiten, Hochzeiten, Spätzeiten. Die Kirche ist in Europa Teil einer Gesellschaft, die demographisch Spätzeitphänomene aufweist, ein Teil davon ist Dekadenz.

Wie legen Sie jemandem den christlichen Glauben nahe, gemessen an anderen Weltreligionen?

Er hat auch eine Holschuld. Er muss schon bereit sein, sich einigermaßen damit zu beschäftigen, das gehört zur Redlichkeit dazu. Wenn man sich selber ernst nimmt, dann muss man da auch Zeit und Konzentration investieren. Ab einem gewissen Zeitpunkt würde ich dann mit ihm argumentativ reden über die Konkurrenzfähigkeit des Christentums im Panorama der Religionen und im Panorama der philosophischen Lebensdeutungen. Und schließlich würde ich ihm sagen, was Pascal gesagt hat: Sie müssen sich entscheiden.

Ist die Kirche ein Konzern?

Die Kirche ist ein Riesenbaum mit vielen Ästen und Zweigen; in Westeuropa gibt es auch viele tote Äste, aber auch viel mehr lebendige. Die Weltkirche hat aber immer neue Aufbrüche. Das kann man auch in der Jugendszene beobachten. Solche Aufbrüche im kleineren Maß gibt es auch in Europa.

Themenwechsel: Welche modernen Künstler schätzen Sie? Was denken Sie über Nitsch?

Sagen wir ‚zeitgenössische Künstler’. Von denen kenne ich viele auch persönlich. In meiner Wohnung, wenn Sie herumschauen, sehen Sie z. B. je einen Hollegha, Staudacher, Mikl, Brettschuh, Breiter, Panzer und Schmalix. Bei Nitsch komme ich an die Grenze künstlerischer Freiheit - vor allem wegen seines Librettos „Die Eroberung von Jerusalem“. Da geht er mit der Gestalt Jesu Christi blasphemisch-pornographisch um. Ich habe ihm das vor Jahren bei einem großen Forum zum Thema „Erregung Kunst – Kunst im öffentlichen Raum“ in der Wiener Akademie der Bildenden Künste gesagt, zu dem mich der betagte Max Weiler eingeladen hatte.

Darf Kunst alles?

Gerne lebe ich in einem Land, wo über keinen Künstler eine Fatwa verhängt werden darf, wo ihm keinerlei brachiale Gewalt begegnet, und ich möchte nach Kräften dazu beitragen, dass es so bleibt. Bilderzerstörungen und Bücherverbrennungen gehören zur moralisch negativen Bilanz auch des 20. Jahrhunderts. Aber geistigen Widerstand gegen Bücher und Bilder muss es geben können. Das gehört zur demokratischen Kultur. Ich habe daher in der Wiener Akademie über ein Bild von Otto Mühl, das sich pornographisch mit Mutter Theresa befasst hat, gesagt, dass dieses Bild und sein Autor die Verachtung aller ethisch sensiblen Zeitgenossen verdienen. Diese Grenzziehung ist nach meiner Überzeugung nicht kleinlich, sondern ein Dienst an Humanität, wie ich sie verstehe.

Was ist Kunst?

Kunst ist Spiegelung der Gesamtwirklichkeit. Sie kann froh sein, wenn sie auch auf Gegner trifft, weil sie dann vor Trägheit bewahrt wird. Es kommt dabei freilich auf das Niveau an. Vor kurzem gab es diese Froschgeschichte in Bozen, den Streit über den gekreuzigten Frosch von Kippenberger. Kippenberger wollte wohl nicht Christus verhöhnen, sondern sich selbst als äußerst entfremdetes Subjekt, als herabgekommener Mensch, darstellen. Natürlich fragt man, hätte er dazu keine anderen Möglichkeiten gehabt? Hat er das gemacht, um Christen zu ärgern? Ich habe ihn nicht gekannt, aber ich glaube schon, dass er auch das im Sinn hatte. Nun hat aber doch die Gesellschaft, die sich über die Verletzung der Grenzen künstlerischer Freiheit erregt, auch eine gewisse Holschuld, sich darüber zu informieren, was der Künstler mit seinem Tabubruch gewollt hat. Sollen nicht Kritiker auch eine differenzierende Vorleistung erbringen, bevor sie sofort zu schnauben beginnen?

Zurück zu Nitsch…

Ich rege mich bei Nitsch punktgenau über das genannte ‚Libretto’ auf, das genügt mir. Die Kunst hat ja im Lauf ihrer langen Geschichte zwar mehr Harmonisches gezeigt, aber zum Beispiel die Gotik hat auch ungemein expressiv das Schreckliche, bis zu den wilden Phantasien des Hieronymus Bosch, dargestellt. Das ist nichts Neues.

Die Kunst kann alle Realität darstellen wollen und kann diese auch äußerst verfremdet darstellen, aber – das ist meine Überzeugung – aus der Kunst im Ganzen kann man auf Dauer die Schönheit nicht vertreiben. Es gibt Künstler, die lebenslänglich auf Schönheit verzichten. Sie quälen sich selber und den Rest der Welt, indem sie nur das Zerbrochene, das Bösartige darstellen. Das ist ihre Entscheidung und ihr Recht, außer sie verletzen damit intensiv die Freiheit anderer. Aber die Kunst wird trotz alledem das Schöne nie ganz verlieren können. Auch nie die Gegenständlichkeit. Sie kehrt immer wieder nach Ausflügen in die Abstraktion zurück in eine Gegenständlichkeit. Schönheit und Gegenständlichkeit gehen nie ganz verloren.

Eine ewige Frage für Kunst und Religion und für die Überschneidung beider ist die Spannung von ethisch und ästhetisch. Ästhetisch, im engeren Sinn von ästhetisch als schön, kann zur Illusion werden und kann die ethischen Energien lähmen. Bert Brecht war ein großer Moralist, aber er hat dem Schönen, obwohl er es oft durch Ironie gebrochen hat, viel Raum gegeben. Gut und schön gehören zusammen, obwohl sie sich oft nicht vertragen, weil das Gute oft nicht schön ist, weil es sich keinen Luxus leisten kann, und das Schöne oft nicht gut ist, weil es Luxus ist. Manche luxuriösen Festspiele zeigen ungewollt auch diese Spannung.

Betrachten Sie Religion als Teil der Kultur oder eigenständige Gesellschaftskategorie?

Kunst ist alles, was der Mensch macht. Religion versteht sich nicht als bloßes Menschenwerk, sondern als kulturelle Ausprägung der Antwort auf eine erfahrene Offenbarung. Religion bringt Transzendenz ein und durchkreuzt so die Kunst. Sie stellt aber Fragen und präsentiert Antworten, die sich auch in der Literatur, der bildenden Kunst oder der Musik ausdrücken. Auch moderne Kunst ist durchwoben von religiösen Fragen und Aussagen: Musik von Penderetzky und Arvo Pärt, Architektur von Le Corbusier, Matisse mit seiner Kapelle von Vence, das sind nur einige von vielen möglichen Beispielen dafür. Auch in der Literatur ist die religiöse Frage immer wieder da. Ein Agnostiker wie Reiner Kunze, einer der herausragenden deutschen Lyriker der Gegenwart, ich kenne ihn sehr gut, kommt z. B. von der religiösen Frage nicht los.

Gibt es etwas, das Sie den Lesern von Living Culture noch gerne mitteilen möchten?

Als Studentenpfarrer für die Grazer Universitäten in 17 Jahren habe ich mich täglich auch mit Fragen, Zweifeln und Gegnerschaft vor allem junger Menschen bezogen auf Religion und Kirche auseinandergesetzt. Als Bischof seit 27 Jahren habe ich das nach Kräften fortgesetzt. Living Culture ist mir dafür ein willkommenes Forum.

Zitate:

Bei Nitsch komme ich an die Grenze künstlerischer Freiheit - vor allem wegen seines Librettos „Die Eroberung von Jerusalem“. Da geht er mit der Gestalt Jesu Christi blasphemisch-pornographisch um.


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