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Von: Peter Hatzenbichler; Fotos: Max Anelli-Monti

Wozu Literatur, Herr Michael Krüger (Ausgabe V / 2008)

Er ist als Verleger des renommierten Hanser-Verlags und Autor des nicht minder bekannten Suhrkamp-Verlags für sich ein Unikum.

Michael Krüger überraschte im Literaturhaus Graz mit feinsinnigen Gedichten und einem beseelten Blick fürs Detail. Der jung aussehende, elegante Krüger versprüht im Living Culture Talk Lebensweisheit.

Herr Krüger, Sie sind in einer Doppelrolle als Autor und Verleger. Was entspricht Ihnen mehr?

Was ist mir lieber? Beides ist schrecklich anstrengend, beides erfordert Zeit. Man kann nicht beides ohne Zeit machen. Wenn man beides richtig machen will, wird man schnell atemlos.

Da ich für die Verlegerei bezahlt werde, nimmt das doch die Hauptzeit meines Lebens in Anspruch. Das heißt, ich arbeite 12 bis 13 Stunden am Tag für den Verlag. Und wenn ich genug Energie habe, dann steh‘ ich morgens früh auf und schreibe. Denn ich muss ja auch viel „Gebrauchsdinge“ schreiben: Nachworte, Vorträge, wenn jemand in die Pension geht. Oder ich muss zu Fragen unseres Berufsstandes Stellung nehmen. Und das mach‘ ich immer morgens. Da steh‘ ich morgens sehr früh auf und habe zwei Stunden Konzentration. Denn im Verlag selber ist es sehr schwer zu schreiben, da eben dauernd das Telefon klingelt.

Sie verlegen Ihre eigenen Bücher im Suhrkamp Verlag, nicht im eigenen Verlag?

Ja, in Deutschland war es immer so, dass man eigentlich ungern im eigenen Verlag veröffentlicht - warum, weiß ich nicht!

Da es vielleicht den Beigeschmack des Eigenlobs hat?

Nun ja, T. S. Eliot, um mal einen nicht ganz unbekannten Kollegen zu zitieren, hat seine Bücher bei Faber&Faber verlegt. Roberto Calasso, auch nicht gerade ganz unbekannt, verlegt seine Bücher prinzipiell bei Delphi. Aber in Deutschland hat das immer irgendwie einen Hautgout, und warum soll man sich diesem Hautgout aussetzen? Und ich finde auch, ich hatte immer nette Verlage: Zuerst war es Wagenbach, dann der Residenz Verlag in Salzburg – das hat mir auch gefallen, denn man war extra muros, man musste sich nicht unmittelbar messen. Und jetzt bei Suhrkamp ist es natürlich wunderbar, es ist sehr schön.

Sie sind also ein Morgenmensch, was die Inspiration betrifft?

Nein, die Inspiration muss ich immer haben! Denn das Hinschreiben ist ja eine Sache, aber es muss ja irgendwas im Kopf arbeiten – den ganzen Tag, das ganze Leben. Verstehen Sie, man kann sich ja nicht hinsetzen und sagen: jetzt kommt da irgendwas. Irgendwas kommt immer; aber meistens kommt der Harndrang oder irgend so was. Mit der Inspiration ist das so eine Sache. Ich denke lieber über Sachen nach, den ganzen Tag und die halbe Nacht, weil ich ein schlechter Schläfer bin. Und dieses Nachdenken setzt irgendwas im Kopf frei, das dann irgendwann mal auf Papier will. Aber die Inspiration hat man, wenn man spazieren geht, und ein paar schräge Vögel, oder auch ein paar fliegende Vögel beobachtet. Das sind Inspirationen. Wissen sie, wir brauchen nicht so viel Inspiration, die Welt drängt sich einem ja auf. Wir wohnen ja nicht mehr irgendwo am Rande von etwas, sondern wir sind durch die Telekommunikation immer im Zentrum.

Kann man sagen, dass man teilweise schon erdrückt wird von den diversen Eindrücken?

Ja, man muss die Inspiration abwehren. Die Welt ist aufdringlich und schrecklich, und man muss schauen, wie man sie von sich weg kriegt. Denn zu viel Welt ist einfach unerträglich.

Sie haben ja jeden Tag als Verleger mit Literatur zu tun, können Sie da überhaupt noch Ihre eigenen literarischen Gedanken fassen? Sie werden ja jeden Tag bombardiert mit Texten.

Nun, das ist nicht so, dass die Literatur überwältigend ist, sondern man liest und hofft, dass sie einen inspiriert. Lesen ist ja die Hoffnung, dass irgendwie eine Erleuchtung kommt, die man gerne hat. Und das wissen Sie ja selber: zwei Drittel der Sachen die man liest sind fürchterlich! Und irgendein kleines Gedicht bewegt etwas in Ihrem Schädel. Aber es ist ja viel eher so, dass man sich leeren muss, man muss weniger machen.

Sie sprachen soeben vom Lesen anderer Texte. Wie bewerten Sie Texte? Ist das eher intuitiv oder gibt es gewisse Maßstäbe?

Mich muss der Text faszinieren, mich muss der Text ansprechen. Ich muss was daraus lernen. Ich mach ja auch nicht nur Literatur, ich mache ja auch sehr viele philosophische Dinge. Ich muss von diesen Dingen angesprochen, bereichert, elektrisiert werden. Und nichts ist doch furchtbarer, als wenn man etwas liest, was man lesen muss! Weil es einen zu Tode langweilt, und trotzdem muss man es lesen. Das ist doch etwas Entsetzliches! Und das ist auch der Grund, warum so viele Leute das Lesen aufgegeben haben. Irgendwann mal, sei es in der Schule, sei es wegen der Eltern, man hat sich einfach nicht dafür interessiert. Und dieses tiefe Misstrauen gegenüber Büchern, die einen gar nicht betreffen, das ist vollkommen gerechtfertigt. Es gibt Leute, die müssen jeden Tag einen Kriminalroman lesen, sonst sind sie unglücklich. Das ist auch nicht weiter schlimm. Das sind Menschen, die auch tief inspiriert über Kriminalromane reden können.

Das heißt, der Eindruck, den ein Text beim Leser erweckt, ist das Wichtigste.

Das ist das Wichtigste auf der Welt. Es gibt doch Leute, die Bücher lesen müssen. Wenn man sich mit denen über Bücher unterhält, das ist doch furchtbar langweilig.

Zitate:

Krüger über Literatur:

Horaz und Goethe werden immer noch gelesen, wenn Herr Krankl nicht mehr zitiert wird,

Krüger über DAS Lesen:

Lesen ist ja die Hoffnung, dass irgendwie eine Erleuchtung kommt, die man gerne hat.


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