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La Divina Come­dia – Tanz­thea­ter auf der Haupt­büh­ne der Oper Graz und nicht nur das


Text: Lukas Wogrol­ly / Living Cul­tu­re; Fotos: Oper Graz, Wer­ner Kme­titsch, Ingo Per­tra­mer
Wie sehr beim Tan­zen Viel­falt und Ein­falt ein­an­der gegen­über­ste­hen und ergän­zen kön­nen, zeigt eine spe­zi­el­le Pro­duk­ti­on an der Oper Graz.

„Hopp­la, da fehlt doch ein m“, ist das Ers­te, was mir als Italo­phi­lem mit ins­ge­samt sechs Jah­ren Lebens­er­fah­rung in Ita­li­en (fünf Jah­re Tri­est, ein Jahr Bozen) ins Auge sticht, als ich „La Divina Come­dia“ so geschrie­ben im Pro­gramm­heft der Oper Graz der Spiel­zeit 2025/26 lese. Zwar wur­de eines der Haupt­wer­ke der ita­lie­ni­schen Lite­ra­tur von sei­nem Autor Dan­te Ali­ghie­ri ursprüng­lich als „Come­dia“ mit tat­säch­lich nur einem m bezeich­net, im all­ge­mei­nen ita­lie­ni­schen Sprach­ge­brauch und vor allem mit dem Zusatz „La divina“, also „die gött­li­che“, den das Werk erst zu einem spä­te­ren Zeit­punkt bekam, heißt es jedoch immer „La Divina Com­me­dia“ mit Doppel‑m und auch die ita­lie­ni­sche „Com­me­dia dell’arte“ (Berufs­schau­spiel­kunst, Thea­ter des 16. bis 18. Jahr­hun­derts in Ita­li­en) schreibt sich so. Dem­entspre­chend irri­tiert mich der Titel und sogleich den­ke ich, man habe die­sen Titel so belas­sen, da die Cho­reo­gra­phin Este­fa­nia Miran­da aus Chi­le stammt und somit nicht die ita­lie­ni­sche, son­dern die spa­ni­sche Bezeich­nung gewählt wur­de.

Sei es, wie es sei, letzt­end­lich geht es in die­sem zwar ori­gi­nel­len, aber zugleich auch mono­chro­ma­ti­schen Tanz­abend in der Oper Graz sehr wohl um das berühm­te Werk, zu Deutsch „Die Gött­li­che Komö­die“ („Komö­die“ im Übri­gen nicht im Sin­ne von Hei­ter­keit, son­dern wegen des nicht-höfi­schen Sprach­stils und des posi­ti­ven Aus­gangs) des ita­lie­ni­schen Dich­ters Dan­te Ali­ghie­ri aus Flo­renz. Und genau das fas­zi­niert mich, als ich davon lese. Wie wird die­se in der Welt­li­te­ra­tur wohl ein­zig­ar­ti­ge Beschrei­bung von Höl­le, Fege­feu­er und Him­mel, in Form einer Tanz­per­for­mance umge­setzt: ganz ein­fach, oder auch nicht.
Die Ant­wort bekom­me ich Ende Jän­ner gelie­fert. Viel­fäl­tig und doch mono­chro­ma­tisch, wür­de ich sagen. Viel­fäl­tig sind in jedem Fall die Musik und auch die Aus­drucks­stär­ke der Künst­le­rIn­nen. Zudem auch die Raum­auf­tei­lung und Insze­nie­rung. Mono­ton und ein­fach hin­ge­gen sind die farb­li­che Gestal­tung sowie die Redu­zie­rung auf eini­ge weni­ge Cha­rak­te­re, sogar auf Dan­tes Beglei­ter durch Höl­le und Fege­feu­er, der römi­sche Dich­ter Ver­gil, wird ver­zich­tet. Und auch die Spra­che, die sich hin und wie­der äußert, ist nicht das Ita­lie­ni­sche bezie­hungs­wei­se Flo­ren­ti­ni­sche von Dan­te, son­dern das Eng­li­sche, wie schon in der Ori­gi­nal­ver­si­on der Büh­nen Bern. Man könn­te also mei­nen, wenig ori­gi­nell und vor allem wenig ori­gi­nal­ge­treu. Über eini­ge die­ser Punk­te wer­de ich im anschlie­ßen­den „Nach­klang“, einer Art öffent­li­ches Hin­ter­grund­ge­spräch, noch genau­er infor­miert.

Doch nun zur Insze­nie­rung kon­kret: Die Begriff­lich­kei­ten Him­mel, Höl­le und Fege­feu­er waren der Cho­reo­gra­phin Este­fa­nia Miran­da etwas zu abs­trakt. Des­halb hat sie die­se Rei­se ein­fach in den mensch­li­chen Kör­per ver­legt.
Und: Auch das Publi­kum absol­viert eine Rei­se, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Denn: der ers­te Teil, die Höl­le, spielt nicht auf der gro­ßen Opern­büh­ne, dort in der Nähe ist ledig­lich das Orches­ter, des­sen Töne nach außen drin­gen. Son­dern im gesam­ten Opern­haus. Die Besu­che­rIn­nen bege­ben sich auf eine Art Par­cours mit ver­schie­de­nen Sta­tio­nen bezie­hungs­wei­se Instal­la­tio­nen, die zum Teil aus leb­lo­sen Figu­ren bestehen und zum Teil aus leben­di­gen Figu­ren, also Tän­ze­rIn­nen die eine Per­for­mance immer und immer wie­der wie­der­ho­len, zur dau­er­haft aus dem Haupt­raum durch­drin­gen­den Musik des Orches­ters. Sie stel­len jene Sün­den dar, die in der Gött­li­chen Komö­die in den Höl­len­krei­sen auf­ge­lis­tet wer­den, bis auf Ver­schwen­dung und Träg­heit. Dabei sind auch jeweils unter­schied­li­che Kör­per­tei­le von Bedeu­tung. Nichts­des­to­trotz ist es als Besu­cher oft schwie­rig, einen Unter­schied zwi­schen den Dar­bie­tun­gen bezie­hungs­wei­se Sta­tio­nen aus­zu­ma­chen. Hier die genaue Auf­lis­tung: „Info­stand links neben der Fest­stie­ge: Hab­gier, Rechts neben der Fest­stie­ge: Betrug und Ver­rat, Café Stolz: Völ­le­rei, Ers­ter Rang mit Logen und Gar­de­ro­be auf der rech­ten Sei­te: Wol­lust, Par­kett von Bal­kon, Bal­kon­lo­gen und Steh­plät­zen im Par­terre aus zu betrach­ten: Zorn und Gewalt, Ers­ter Rang Fens­ter­gang: Ket­ze­ri­sche Phi­lo­so­phie.“ Und der Gang von Sta­ti­on zu Sta­ti­on bezie­hungs­wei­se Instal­la­ti­on zu Instal­la­ti­on gestal­tet sich wirk­lich als Par­cours nicht zuletzt wegen des gro­ßen Andrangs und Hin­der­nis­sen wie Stie­gen oder Durch­gän­gen.
Die Tei­le zwei und drei, also Fege­feu­er und Him­mel, spie­len hin­ge­gen auf der Haupt­büh­ne und sind für die Zuschaue­rIn­nen sit­zend zu erle­ben. Dabei ste­chen in ers­ter Linie die weni­gen ver­wen­de­ten Far­ben, die Reduk­ti­on auf eini­ge weni­ge Figu­ren und auch die Abs­trakt­heit der Tanz­per­for­man­ces her­vor. Dan­te wird in allen drei Tei­len dar­ge­stellt von Nim­rod Poles und im Schluss, dem Him­mel, kommt auch ganz ori­gi­nal­ge­treu sei­ne gelieb­te Bea­tri­ce, gespielt von Savan­na Haber­land, hin­zu. Hin und wie­der hört man auch die eng­li­sche Stim­me von Jim Bar­nard. Auch das Büh­nen­bild ist farb­lich sehr redu­ziert.
War für mich die Beschrei­bung der Jen­seits­tei­le Him­mel, Höl­le und Fege­feu­er schon per se eine sehr abs­trak­te Ange­le­gen­heit, so hat die­se Insze­nie­rung die­se Vor­stel­lung von mir noch ver­stärkt. Wie erwähnt, die Kraft der Musik und die her­vor­ra­gen­de Tanz­per­for­mance bezie­hungs­wei­se Insze­nie­rung mit gro­ßer Aus­drucks­stär­ke las­sen, ähn­lich wie schon beim „Ring“ auf der Stu­dio­büh­ne im Novem­ber, nach­zu­le­sen hier, die Emo­tio­nen beim Publi­kum hoch­le­ben. Dazu gesel­len sich aber eini­ge etwas frag­wür­di­ge und unkon­kre­te Ele­men­te bezie­hungs­wei­se Nicht-Ele­men­te: wie bereits erwähnt, kein Ver­gil als Beglei­ter Dan­tes, die eng­li­sche Spra­che anstel­le der Flo­ren­ti­ni­schen oder ita­lie­ni­schen Ori­gi­nal­spra­che, die Abwand­lung mit den Kör­per­tei­len, die wenig farb­li­che Viel­falt bie­ten­de Gesamt­cho­reo­gra­phie. Teil­wei­se schon ähn­lich wie beim eben­falls viel umju­bel­ten „Ring“, in jedem Fall anders als eine übli­che Opern­in­sze­nie­rung. Klar, das The­ma ist per se schon äußerst abs­trakt. Und ein Tanz­abend ist in jedem Fall auch immer abs­trakt. Gäbe es eine Oper oder ein Schau­spiel über „La Divina Com­me­dia“, wie sie in ihrem Ursprungs­land für gewöhn­lich bezeich­net und geschrie­ben wird, so müss­te dies schon kon­kre­ter sein. In jedem Fall bie­tet sich für mich ein sehr zwie­späl­ti­ger Abend mit gemisch­ten Gefüh­len: es gibt in mei­nen Augen Ele­men­te die über­zeu­gen, bei­spiels­wei­se auch die durch­aus ori­gi­nel­le Idee, den ers­ten Teil als Sta­tio­nen­thea­ter im gesam­ten Opern­haus spie­len zu las­sen.
Und den­noch habe ich auch das Gefühl, es fehlt die­sem Abend ein biss­chen der Pep, ein biss­chen die Viel­falt, ein biss­chen die Bunt­heit, die Abwechs­lung. Der letz­te Fun­ke der Begeis­te­rung. Und, es ist, nicht zuletzt durch die Ver­wen­dung der eng­li­schen Spra­che, ein biss­chen weit weg vom Ori­gi­nal­werk des „som­mo poe­ta“, also des „höchs­ten Dich­ters“, wie Natio­nal­held Dan­te Ali­ghie­ri so ger­ne in sei­nem Hei­mat­land, unse­rem süd­li­chen Nach­bar­land, bezeich­net wird. Ist doch eben die Ver­wen­dung des flo­ren­ti­ni­schen Dia­lekts als Grund­la­ge für das moder­ne Ita­lie­nisch, also der sprach­his­to­ri­sche Aspekt, ein wesent­li­ches Ele­ment die­ses Wer­kes.
Und nicht allein die bild­li­che Dar­stel­lung von Höl­le, Fege­feu­er und Him­mel. Da Dan­te Ali­ghie­ri eben in sei­nem hier beschrie­be­nen Werk, dem wohl bedeu­tends­ten lite­ra­ri­schen Werk in der Geschich­te Ita­li­ens und der ita­lie­ni­schen Spra­che, mit der Ver­wen­dung des dama­li­gen flo­ren­ti­ni­schen Dia­lekts die Grund­la­ge für das moder­ne Ita­lie­nisch gelegt hat. Daher für mich als Italo­phi­lem auch ein biss­chen nicht ganz ange­neh­me, son­dern viel­mehr äußerst zwie­späl­ti­ge Gefüh­le, die so etwas in mir erzeugt. Bei aller Ver­ständ­lich­keit des fre­ne­ti­schen Applau­ses und der gro­ßen Begeis­te­rung des Publi­kums. Der anschlie­ßen­de „Nach­klang“ im Café Stolz als eine Art öffent­li­ches Nach­be­spre­chung des Stü­ckes mit Hin­ter­grund­ge­spräch hat genau die­sen zwie­späl­ti­gen Gesamt­ein­druck in mir ver­stärkt und bestä­tigt. Eine moder­ne Insze­nie­rung, die jedoch die Abs­trakt­heit des The­mas ver­stärkt und neben eini­gen mono­to­nen Ele­men­ten, wie der äußerst spar­sa­men Ver­wen­dung der Far­ben, auch fun­da­men­ta­le Aspek­te die­ses Wer­kes der Welt­li­te­ra­tur nicht berück­sich­tigt, näm­lich zum einen der Ver­zicht auf die zen­tra­le Figur des Ver­gil als Beglei­ter von der Haupt­fi­gur Dan­te Ali­ghie­ri durch die ers­ten bei­den Tei­le des Jen­seits Höl­le und Fege­feu­er, und zum ande­ren das Erset­zen der florentinischen/italienischen Ori­gi­nal­spra­che durch die eng­li­sche Spra­che wie schon in der Ori­gi­nal­ver­si­on die­ses Bal­letts auf­ge­führt und insze­niert von den Büh­nen Bern.


  • Gra­zer Phil­har­mo­ni­ker,
  • Bal­lett Graz,
  • Chor der Oper Graz

Vor­stel­lun­gen

Mi. 25.02.2026
19:30 bis ca. 21:00
Opern­haus Haupt­büh­ne
€ 5 bis € 77
TicketsOper Graz Logo
So. 01.03.2026
18:00 bis ca. 19:30
Opern­haus Haupt­büh­ne
€ 5 bis € 77
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Zum letz­ten Mal
Sa. 07.03.2026
19:30 bis ca. 21:00
Opern­haus Haupt­büh­ne
€ 7 bis € 83
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