La Divina Comedia – Tanztheater auf der Hauptbühne der Oper Graz und nicht nur das
Text: Lukas Wogrolly / Living Culture; Fotos: Oper Graz, Werner Kmetitsch, Ingo Pertramer
Rosa Maria Pace, Kirsty Clarke, Mireia Gonzalez Fernandez, Nimrod Poles, Savanna Haberland, Isabel Edwards
Yuka Eda und Nimrod Poles, Ballett Graz
Yuka Eda und Nimrod Poles, Ballett Graz
Thibaut Lucas Nury und Giulio Panzi, Ballett Graz
Sofia Esmeralda Vollmer, Ballett Graz
Savanna Haberland, Ballett Graz
Rosa Maria Pace, Kirsty Clarke, Mireia Gonzalez Fernandez, Nimrod Poles, Savanna Haberland, Isabel Edwards
Nimrod Poles, Ensemble Ballett Graz
Mireia Gonzalez Fernandez, Ballett Graz
Kirsty Clarke, Ballett Graz
Diego del Rey, Rosa Maria Pace, Gionata Sargentini, Ballett Graz
Connor Mc Mahon, Ballett Graz
Modell Bühnenbild La Divina Comedia
Modell Bühnenbild La Divina Comedia
Goldener Fuß, La Divina Comedia
Goldener Fuß, La Divina Comedia
Aufbau Goldener Fuß, La Divina Comedia
Aufbau Goldener Fuß, La Divina Comedia
Aufbau Goldener Fuß, La Divina Comedia
Aufbau Goldener Fuß, La Divina Comedia
Aufbau Goldener Fuß, La Divina Comedia
Aufbau Goldener Fuß, La Divina Comedia
Kirsty Clarke
Kirsty Clarke
Kirsty Clarke
Kirsty Clarke
Kirsty Clarke
Kirsty Clarke
Kirsty Clarke
„Hoppla, da fehlt doch ein m“, ist das Erste, was mir als Italophilem mit insgesamt sechs Jahren Lebenserfahrung in Italien (fünf Jahre Triest, ein Jahr Bozen) ins Auge sticht, als ich „La Divina Comedia“ so geschrieben im Programmheft der Oper Graz der Spielzeit 2025/26 lese. Zwar wurde eines der Hauptwerke der italienischen Literatur von seinem Autor Dante Alighieri ursprünglich als „Comedia“ mit tatsächlich nur einem m bezeichnet, im allgemeinen italienischen Sprachgebrauch und vor allem mit dem Zusatz „La divina“, also „die göttliche“, den das Werk erst zu einem späteren Zeitpunkt bekam, heißt es jedoch immer „La Divina Commedia“ mit Doppel‑m und auch die italienische „Commedia dell’arte“ (Berufsschauspielkunst, Theater des 16. bis 18. Jahrhunderts in Italien) schreibt sich so. Dementsprechend irritiert mich der Titel und sogleich denke ich, man habe diesen Titel so belassen, da die Choreographin Estefania Miranda aus Chile stammt und somit nicht die italienische, sondern die spanische Bezeichnung gewählt wurde.
Sei es, wie es sei, letztendlich geht es in diesem zwar originellen, aber zugleich auch monochromatischen Tanzabend in der Oper Graz sehr wohl um das berühmte Werk, zu Deutsch „Die Göttliche Komödie“ („Komödie“ im Übrigen nicht im Sinne von Heiterkeit, sondern wegen des nicht-höfischen Sprachstils und des positiven Ausgangs) des italienischen Dichters Dante Alighieri aus Florenz. Und genau das fasziniert mich, als ich davon lese. Wie wird diese in der Weltliteratur wohl einzigartige Beschreibung von Hölle, Fegefeuer und Himmel, in Form einer Tanzperformance umgesetzt: ganz einfach, oder auch nicht.
Die Antwort bekomme ich Ende Jänner geliefert. Vielfältig und doch monochromatisch, würde ich sagen. Vielfältig sind in jedem Fall die Musik und auch die Ausdrucksstärke der KünstlerInnen. Zudem auch die Raumaufteilung und Inszenierung. Monoton und einfach hingegen sind die farbliche Gestaltung sowie die Reduzierung auf einige wenige Charaktere, sogar auf Dantes Begleiter durch Hölle und Fegefeuer, der römische Dichter Vergil, wird verzichtet. Und auch die Sprache, die sich hin und wieder äußert, ist nicht das Italienische beziehungsweise Florentinische von Dante, sondern das Englische, wie schon in der Originalversion der Bühnen Bern. Man könnte also meinen, wenig originell und vor allem wenig originalgetreu. Über einige dieser Punkte werde ich im anschließenden „Nachklang“, einer Art öffentliches Hintergrundgespräch, noch genauer informiert.
Doch nun zur Inszenierung konkret: Die Begrifflichkeiten Himmel, Hölle und Fegefeuer waren der Choreographin Estefania Miranda etwas zu abstrakt. Deshalb hat sie diese Reise einfach in den menschlichen Körper verlegt.
Und: Auch das Publikum absolviert eine Reise, im wahrsten Sinne des Wortes. Denn: der erste Teil, die Hölle, spielt nicht auf der großen Opernbühne, dort in der Nähe ist lediglich das Orchester, dessen Töne nach außen dringen. Sondern im gesamten Opernhaus. Die BesucherInnen begeben sich auf eine Art Parcours mit verschiedenen Stationen beziehungsweise Installationen, die zum Teil aus leblosen Figuren bestehen und zum Teil aus lebendigen Figuren, also TänzerInnen die eine Performance immer und immer wieder wiederholen, zur dauerhaft aus dem Hauptraum durchdringenden Musik des Orchesters. Sie stellen jene Sünden dar, die in der Göttlichen Komödie in den Höllenkreisen aufgelistet werden, bis auf Verschwendung und Trägheit. Dabei sind auch jeweils unterschiedliche Körperteile von Bedeutung. Nichtsdestotrotz ist es als Besucher oft schwierig, einen Unterschied zwischen den Darbietungen beziehungsweise Stationen auszumachen. Hier die genaue Auflistung: „Infostand links neben der Feststiege: Habgier, Rechts neben der Feststiege: Betrug und Verrat, Café Stolz: Völlerei, Erster Rang mit Logen und Garderobe auf der rechten Seite: Wollust, Parkett von Balkon, Balkonlogen und Stehplätzen im Parterre aus zu betrachten: Zorn und Gewalt, Erster Rang Fenstergang: Ketzerische Philosophie.“ Und der Gang von Station zu Station beziehungsweise Installation zu Installation gestaltet sich wirklich als Parcours nicht zuletzt wegen des großen Andrangs und Hindernissen wie Stiegen oder Durchgängen.
Die Teile zwei und drei, also Fegefeuer und Himmel, spielen hingegen auf der Hauptbühne und sind für die ZuschauerInnen sitzend zu erleben. Dabei stechen in erster Linie die wenigen verwendeten Farben, die Reduktion auf einige wenige Figuren und auch die Abstraktheit der Tanzperformances hervor. Dante wird in allen drei Teilen dargestellt von Nimrod Poles und im Schluss, dem Himmel, kommt auch ganz originalgetreu seine geliebte Beatrice, gespielt von Savanna Haberland, hinzu. Hin und wieder hört man auch die englische Stimme von Jim Barnard. Auch das Bühnenbild ist farblich sehr reduziert.
War für mich die Beschreibung der Jenseitsteile Himmel, Hölle und Fegefeuer schon per se eine sehr abstrakte Angelegenheit, so hat diese Inszenierung diese Vorstellung von mir noch verstärkt. Wie erwähnt, die Kraft der Musik und die hervorragende Tanzperformance beziehungsweise Inszenierung mit großer Ausdrucksstärke lassen, ähnlich wie schon beim „Ring“ auf der Studiobühne im November, nachzulesen hier, die Emotionen beim Publikum hochleben. Dazu gesellen sich aber einige etwas fragwürdige und unkonkrete Elemente beziehungsweise Nicht-Elemente: wie bereits erwähnt, kein Vergil als Begleiter Dantes, die englische Sprache anstelle der Florentinischen oder italienischen Originalsprache, die Abwandlung mit den Körperteilen, die wenig farbliche Vielfalt bietende Gesamtchoreographie. Teilweise schon ähnlich wie beim ebenfalls viel umjubelten „Ring“, in jedem Fall anders als eine übliche Operninszenierung. Klar, das Thema ist per se schon äußerst abstrakt. Und ein Tanzabend ist in jedem Fall auch immer abstrakt. Gäbe es eine Oper oder ein Schauspiel über „La Divina Commedia“, wie sie in ihrem Ursprungsland für gewöhnlich bezeichnet und geschrieben wird, so müsste dies schon konkreter sein. In jedem Fall bietet sich für mich ein sehr zwiespältiger Abend mit gemischten Gefühlen: es gibt in meinen Augen Elemente die überzeugen, beispielsweise auch die durchaus originelle Idee, den ersten Teil als Stationentheater im gesamten Opernhaus spielen zu lassen.
Und dennoch habe ich auch das Gefühl, es fehlt diesem Abend ein bisschen der Pep, ein bisschen die Vielfalt, ein bisschen die Buntheit, die Abwechslung. Der letzte Funke der Begeisterung. Und, es ist, nicht zuletzt durch die Verwendung der englischen Sprache, ein bisschen weit weg vom Originalwerk des „sommo poeta“, also des „höchsten Dichters“, wie Nationalheld Dante Alighieri so gerne in seinem Heimatland, unserem südlichen Nachbarland, bezeichnet wird. Ist doch eben die Verwendung des florentinischen Dialekts als Grundlage für das moderne Italienisch, also der sprachhistorische Aspekt, ein wesentliches Element dieses Werkes.
Und nicht allein die bildliche Darstellung von Hölle, Fegefeuer und Himmel. Da Dante Alighieri eben in seinem hier beschriebenen Werk, dem wohl bedeutendsten literarischen Werk in der Geschichte Italiens und der italienischen Sprache, mit der Verwendung des damaligen florentinischen Dialekts die Grundlage für das moderne Italienisch gelegt hat. Daher für mich als Italophilem auch ein bisschen nicht ganz angenehme, sondern vielmehr äußerst zwiespältige Gefühle, die so etwas in mir erzeugt. Bei aller Verständlichkeit des frenetischen Applauses und der großen Begeisterung des Publikums. Der anschließende „Nachklang“ im Café Stolz als eine Art öffentliches Nachbesprechung des Stückes mit Hintergrundgespräch hat genau diesen zwiespältigen Gesamteindruck in mir verstärkt und bestätigt. Eine moderne Inszenierung, die jedoch die Abstraktheit des Themas verstärkt und neben einigen monotonen Elementen, wie der äußerst sparsamen Verwendung der Farben, auch fundamentale Aspekte dieses Werkes der Weltliteratur nicht berücksichtigt, nämlich zum einen der Verzicht auf die zentrale Figur des Vergil als Begleiter von der Hauptfigur Dante Alighieri durch die ersten beiden Teile des Jenseits Hölle und Fegefeuer, und zum anderen das Ersetzen der florentinischen/italienischen Originalsprache durch die englische Sprache wie schon in der Originalversion dieses Balletts aufgeführt und inszeniert von den Bühnen Bern.