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Ber­lin im Win­ter 2020 – Zwi­schen Snoo­ker, Her­tha und Gru­ne­wald


Text: Lukas Wogrol­ly; Fotos: Living Cul­tu­re, PALAZZO
Living Cul­tu­re Chef­re­dak­teur Lukas Wogrol­ly war Anfang 2020 in der größ­ten deutsch­spra­chi­gen Stadt abseits der Tou­ris­ten­pfa­de unter­wegs.

Es war ein ganz beson­de­rer Auf­ent­halt, den ich in der deut­schen Haupt­stadt Ende Jän­ner bzw. Anfang Febru­ar 2020 ver­brin­gen durf­te. Zum einen, wegen des für die Jah­res­zeit erstaun­lich mil­den Wet­ters. Zum ande­ren, weil die­ser Ber­lin-Besuch – Bran­den­bur­ger Tor und Alex­an­der­platz mal aus­ge­nom­men – die klas­si­schen Ber­li­ner Hot­spots eher aus­spar­te, und sich dage­gen auf Klein­ode kon­zen­trier­te, die dem klas­si­schen Ber­lin-Tou­ris­ten oft ver­bor­gen blei­ben.

Doch alles der Rei­he nach: Mein Ber­lin-Auf­ent­halt begann am Don­ners­tag, 30. Janu­ar – jetzt neh­men wir mal das bun­des­deut­sche Wort für Jän­ner – am Ber­li­ner Haupt­bahn­hof. Eine gute Stun­de Ver­spä­tung: Ers­tens, wegen einer Art Signal­stö­rung wie sie hin und wie­der pas­siert, zwi­schen Regens­burg und Nürn­berg. Zwei­tens wegen einer miss­glück­ten Ankop­pe­lung. Das war ein biss­chen schrä­ge. Noch nie in mei­nem doch schon eine Zeit andau­ern­den Zug­fahr­le­ben war mir erklärt wor­den, wie das Ankop­peln funk­tio­niert: „Unser Zug fährt erst an den Bahn­steig ran und hält. Aber die Türen blei­ben noch geschlos­sen. Dann fährt er ganz lang­sam noch ein paar Meter wei­ter vor­wärts, bis die Ankop­pe­lung an den dort ste­hen­den ICE abge­schlos­sen ist. Sobald das der Fall ist [also prak­tisch beim zwei­ten Halt am Bahn­steig], gehen die Türen auf.“ So weit, so gut. Das Beson­de­re an die­ser Ankop­pe­lung war, dass sie nicht funk­tio­niert hat­te! Denn in dem an unse­ren Zug ange­kop­pel­ten Zug­teil funk­tio­nier­te die Elek­tro­nik nicht. Dies hat­te zur Fol­ge, dass wir zir­ka eine knap­pe Stun­de am Bahn­hof in Nürn­berg blie­ben. Immer wie­der wur­den wir per Laut­spre­cher infor­miert, dass das Zug­per­so­nal ver­su­chen wür­de, die Elek­tronik­pro­ble­me im zwei­ten Zug­teil in den Griff zu bekom­men. Und ein­mal hieß es sogar „Sie kön­nen in fünf Minu­ten in den am gegen­über­lie­gen­den Gleis ankom­men­den ICE nach Ber­lin umstei­gen.“ Mit mei­nem vie­len Gepäck und der Unge­wiss­heit, über­haupt einen Sitz­platz zu bekom­men, ent­schied ich mich dage­gen. Letzt­end­lich kam nach zir­ka einer Stun­de die Durch­sa­ge „Das Ankop­peln hat nicht funk­tio­niert. Die Fahr­gäs­te im zwei­ten Zug­teil wer­den gebe­ten, in den ande­ren Zug­teil zu kom­men. Wir fah­ren ohne den neu­en Zug­teil wei­ter nach Ber­lin.“ Ende gut, alles gut. Denn die Fahrt konn­te mit knapp 90-minü­ti­ger Ver­spä­tung fort­ge­setzt wer­den.

Abends in Ber­lin erwar­te­te mich ein ers­tes High­light. Bereits bekannt aus Graz und Wien, besuch­te erst­mals PALAZZO – die ulti­ma­ti­ve Din­ner-Show im Spie­gel­pa­last – außer­halb Öster­reichs. Immer­hin hat die­ses kuli­na­ri­sche Enter­tain­ment­pro­gramm sei­nen Ursprung in Deutsch­land. Auch wenn hier kein öster­rei­chi­scher Koch auf­tisch­te, son­dern mit dem Duo Kol­ja Klee­berg und Hans-Peter Wodarz geball­te Deutsch­land-Power – war es über­zeu­gend und unter­halt­sam wie immer. Die Sym­bio­se aus hoch­klas­si­ger Kuli­na­rik (vier Gän­ge plus Wein­be­glei­tung), ein biss­chen Come­dy, atem­be­rau­ben­der Akro­ba­tik und außer­ge­wöhn­lich authen­ti­schem Spie­gel­pa­last-Ambi­en­te in einem drei­ein­halb­stün­di­gen Pro­gramm kann einen voll in ihren Bann zie­hen. Nur als Vor­ge­schmack zwei Gän­ge mit ent­spre­chen­der Wein­be­glei­tung: „Auf­ge­schäum­tes Süpp­chen von Gor­gon­zo­la und Kohl­ra­bi mit geba­cke­nem Zie­gen­kä­se“ als Zwi­schen­gang und „Char­don­nay & Weiß­bur­gun­der ‚Edi­tio Clas­si­ca‘ 2018 – Wein­gut Peth-Wetz – Rhein­hes­sen“ sowie im Haupt­gang „Knusp­ri­ge ‚Ente à l’orange‘ mit Oran­gen­sauce, Miso-Spitz­kohl und Kar­tof­fel­gra­tin und „Pri­mi­tivo & Nero di Troia ‚Infi­ni­tum‘ 2018 – Tor­reven­to – Apu­li­en, Ita­li­en“. Sowie für die künst­le­ri­sche Sei­te Mari­an­na de Sanc­tis (Hula-Hoop, Clow­nin – Ita­li­en), 15feet6 (Rus­si­scher Bar­ren, Schleu­der­brett & Chi­ne­si­scher Mast – Eng­land, Finn­land Spa­ni­en), Peter Shub (Come­dy, USA) und Kerol (Beat­boxing, Jon­gla­ge, Come­dy – Spa­ni­en).

Nach die­sem kuli­na­risch-komö­di­an­tisch-akro­ba­tisch-musi­ka­li­schen Gesamt­erleb­nis ging es in die Euro­päi­sche Aka­de­mie Ber­lin im Gru­ne­wald, nur unweit des Löwen­pa­lais der Stif­tung Star­ke,

Apro­pos Gru­ne­wald: Am Fol­ge­tag war ich mor­gens kei­nes­wegs mehr k.o. von der fast zehn­stün­di­gen Zug­rei­se plus den drei Stun­den PALAZZO. Vom Stadt­teil Gru­ne­wald ging es in jenen namens­ge­ben­den Wald, der nicht weit von den Häu­sern und vor allem Nobel­vil­len ent­fernt liegt. Vor­bei am Stef­fi-Graf-Sta­di­on, in dem heu­er im Juni erst­mals ein Rasen­ten­nis-Tur­nier aus­ge­tra­gen wer­den wird, und unter Auto­bahn und Zug­glei­sen durch, in Rich­tung Wann­see. Die Ver­bin­dungsschaus­see eig­net sich her­vor­ra­gend, um dem hek­ti­schen Groß­stadt­le­ben zu ent­flie­hen. Man hört nur das Rau­schen der Auto­bahn ein biss­chen. Sonst ist man ganz allein und geht schnur­ge­ra­de zir­ka acht Kilo­me­ter auf nicht asphal­tier­tem, aber recht gut aus­ge­bau­tem Forst­weg bis zum Wann­see prak­tisch. Man ist ganz allein mit sich und der Natur. Abzwei­gun­gen, Hin­weis­schil­der, Quer­stra­ßen. Immer wie­der Forst­ar­bei­ten, immer wie­der Men­schen – Wan­de­rer und Biker – und auch wegen der Regen­fäl­le Regen­pfüt­zen und Matsch. Aber alles kein Pro­blem. So schnur­ge­ra­de, wie die Auto­bahn- und S‑Bahn-Stre­cke par­al­lel, so gerad­li­nig geht es mit Nor­dic-Wal­king-Stö­cken und sogar Ende Jän­ner kur­zen Ärmeln (sie­he Foto) durch das gigan­ti­sche Forst­ge­biet. Doch ein­mal am Wann­see ange­kom­men, zog es mich gleich wie­der retour. Die S‑Bahn-Sta­ti­on „Niko­las­see“ liegt vom Ende der Ver­bin­dungs­chaus­see nicht weit ent­fernt und bie­tet sich all jenen, die schnell wie­der im Stadt­teil Gru­ne­wald sein wol­len.

An die­sem 31. Janu­ar hat­te ich noch ein wei­te­res High­light. Her­tha, das bedeu­tet für mich irgend­wie Hei­mat. Es hat mich seit jeher ins Olym­pia­sta­di­on zu einem Her­tha-Spiel gezo­gen, wann immer ich in Ber­lin gewe­sen war. Ein Rück­blick: 2004 im April bei den Matches gegen Han­sa Ros­tock (1:1) und VfL Wolfs­burg (1:0), 2004 im Sep­tem­ber gegen VfB Stutt­gart (0:0), 3. Okto­ber (Tag der deut­schen Ein­heit) 2015 gegen HSV (3:0). Nur im Vor­jahr 2019 war ich im August in Ber­lin ohne ein Her­tha-Spiel, oh Schan­de… An besag­tem 31. Janu­ar ging es gegen die eben­falls blau-wei­ßen Schal­ker und es soll­te bis heu­te, 24.2., das ein­zi­ge Pflicht­spiel der Her­tha im Jahr 2020 sein, in dem sie ohne Gegen­tor blieb. Das Match ende­te 0:0 – aber es war den­noch eine Bom­ben­stim­mung vor 50.000 Zuschau­ern. Und erstaun­lich warm noch dazu.

Die fol­gen­den bei­den Tage – Sams­tag und Sonn­tag – waren reg­ne­risch. Das tat der Stim­mung aber kei­nen Abbruch. Denn ich begab mich an bei­den Tagen ins mys­ti­sche Tem­po­drom, das von außen wie ein Zir­kus­zelt aus­sieht. Dort stand für mich eine in unse­ren Brei­ten als Rand­sport­art abge­stem­pel­te Dis­zi­plin auf dem Pro­gramm. Snoo­ker, der ein­zi­ge Sport wo in Sak­ko und mit Flie­ge Sport­ler antre­ten. Und wo das Fas­zi­nie­ren­de ist: Wie beim Schach muss man über­le­gen, wel­cher „Stoß“ der bes­te ist. So lässt sich die Fas­zi­na­ti­on die­ser Bil­lard­dis­zi­plin beschrei­ben, bei der auf einem wesent­lich grö­ße­ren Tisch als beim Pool­bil­lard ins­ge­samt 15 rote Kugeln und jeweils eine gel­be, grü­ne, brau­ne, blaue, pin­ke und schwar­ze Kugel mit einer wei­ßen Kugel, dem Spiel­ball, gelocht wer­den müs­sen. Die roten Kugeln zäh­len dabei jeweils einen Punkt, die anders­far­bi­gen von zwei (gelb) bis maxi­mal sie­ben (schwarz) Punk­te. Wich­tig ist die Rei­hen­fol­ge: Man beginnt mit einer roten Kugel. Dann, nach dem Lochen einer roten Kugel, muss man eine belie­bi­ge anders­far­bi­ge Kugel lochen, die dann wie­der auf den Tisch zurück­kommt. Danach dann wie­der die nächs­te rote (die roten Kugeln kom­men nie auf den Tisch zurück), die nächs­te anders­far­bi­ge —  so lan­ge, bis kei­ne roten Kugeln mehr auf dem Tisch sind. Dann wer­den die anders­far­bi­gen Kugeln in auf­stei­gen­der Rei­hen­fol­ge ihres Wer­tes (von zwei = gelb bis sie­ben = schwarz) gelocht und kom­men auch nicht mehr auf den Tisch zurück. Ich besuch­te bei strö­men­dem Regen – der mir aber nichts aus­mach­te, denn es war ja eine Indoor-Ver­an­stal­tung – das aus­ver­kauf­te Semi­fi­na­le zwi­schen dem Schot­ten Grae­me Dott, Welt­meis­ter 2006, und dem Eng­län­der und amtie­ren­den Welt­meis­ter Judd Trump. Wie immer war Euro­s­port-Kom­men­ta­to­ren-Legen­de Rolf Kalb der „Mas­ter of Cere­mo­nies“, der Hal­len­spre­cher, und heiz­te die Stim­mung ordent­lich ein. Sowie am Final­tag Sonn­tag, das fast den gan­zen Nach­mit­tag und Abend dau­ern­de Fina­le zwi­schen Judd Trump und dem Aus­tra­li­er Neil Robert­son – dem Welt­meis­ter von 2010 und erfolg­reichs­ten nicht-bri­ti­schen Snoo­ker-Spie­ler aller Zei­ten. Um zir­ka 22:45 Uhr Orts­zeit Ber­lin setz­te sich Judd Trump in einem hart umkämpf­ten und span­nen­den End­spiel letzt­end­lich durch. Ich war beein­druckt von der Atmo­sphä­re und der Fas­zi­na­ti­on die­ses edlen Sports, ins­be­son­de­re aber davon, wie gut man im 2.500 Zuschau­er fas­sen­den Tem­po­drom auf den Tisch und somit auf das Spiel­ge­sche­hen sah.

Und: Einen haben wir noch. Der mitt­ler­wei­le drit­te Febru­ar, Mon­tag, soll­te mein letz­ter gan­zer Tag in Deutsch­lands Haupt­stadt sein. Nach dem atem­be­rau­ben­den und durch­aus auch als Zuschau­er kräf­te­rau­ben­den Fina­le, an das ich noch einen Zwi­schen­sprint im Regen zur Sta­ti­on Meh­ring­damm sowie eine 40-minü­ti­ge Bus­fahrt quer durch West-Ber­lin über den gan­zen Kur­fürs­ten­damm bis nach Gru­ne­wald ange­schlos­sen hat­te, ging ich es ein biss­chen gemüt­li­cher an.
Zunächst ein biss­chen Gru­ne­wald: Der Super­markt Ede­ka, das Löwen­pa­lais der Stif­tung Star­ke, und der Hasen­sprung. Dazu noch ein Wie­ner Kaf­fee­haus im Gru­ne­wald, wo Wal­zer­mu­sik im Hin­ter­grund lief. Und dann, erst um 18 Uhr abends, das Bran­den­bur­ger Tor im Fins­te­ren und bei Regen. Der Fern­seh­turm, der Alex­an­der­platz im Regen. Ein biss­chen klas­si­sches Ber­lin muss sein. Zwi­schen Bran­den­bur­ger Tor und Alex­an­der­platz trotz Regens, trotz Fins­ter­nis die Fuß­stre­cke „Unter den Lin­den“ — geprägt von einer Bau­stel­le der neu­en U‑Bahn-Linie. Es lohnt sich, noch ein biss­chen klas­si­sches Ber­lin ein­zu­at­men.
Denn die Devi­se gilt: Warst du nicht am Alex­an­der­platz und nicht am Bran­den­bur­ger Tor, warst du nicht in Ber­lin. Ich war in Ber­lin und ließ die High­lights und das bun­te Pro­gramm der letz­ten Tage mit dem Höhe­punkt des Snoo­ker-Fina­les Revue pas­sie­ren.

Begon­nen hat­te alles mit einer Ver­spä­tung. Und enden soll die­ser Text auch mit Zug­pro­ble­men. Ich staun­te nicht schlecht, als ich am Diens­tag, 4. Febru­ar zir­ka 50 Minu­ten vor der plan­mä­ßi­gen Abfahrt mei­nes ICE nach Wien am Ber­li­ner Haupt­bahn­hof ankam, und mei­nen Zug nir­gend­wo mehr auf einer Abfahrts­ta­fel fin­den konn­te. Grund hier­für war eine Umlei­tung wegen Bau­ar­bei­ten, wes­halb der Zug bereits um 8:45 Uhr statt um 10:05 Uhr abge­fah­ren war. Den­noch schaff­te ich es mit einem ande­ren ICE der nach Mün­chen fuhr, bis nach Würz­burg. Wo ich dann nur weni­ge Minu­ten spä­ter und prak­ti­scher­wei­se gleich am Gleis gegen­über  in einen wei­te­ren, aus Dort­mund kom­men­den ICE nach Wien ein­stei­gen konn­te. Und somit genoss ich am Wie­ner Haupt­bahn­hof am Abend glück­lich und erleich­tert wie­der Ori­gi­nal Wie­ner Kost in der Kon­di­to­rei-Café Ober­laa.

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