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Land­tags­wahl Vor­arl­berg — Der ers­te zwei­te Platz für Grün


Text: Lukas Wogrol­ly, Fotos: Living Cul­tu­re
Am 13. Okto­ber 2019, nur zwei Wochen nach der vor­ge­zo­ge­nen Natio­nal­rats­wahl, wähl­te das west­lichs­te Bun­des­land Öster­reichs einen neu­en Land­tag. Dabei konn­ten vie­le Par­tei­en Zuge­win­ne ver­bu­chen. Living Cul­tu­re Chef­re­dak­teur Lukas Wogrol­ly beglei­te­te eine Gewin­ner­par­tei, die Grü­nen, im Wahl­kampf-End­spurt sowie auch am Wahl­tag selbst.

Es ist ein Mär­chen. Ein Mär­chen das wahr wur­de. So und nicht anders lässt sich das Ergeb­nis der Grü­nen bei der Land­tags­wahl in Vor­arl­berg am 13. Okto­ber 2019 beschrei­ben. Schon 2014 hat­ten sie mit 17% ein Rekord­ergeb­nis ein­ge­fah­ren. Kurz vor dem Wahl­tag lagen sie in den Umfra­gen bei 13–14 Pro­zent, also ähn­lich wie ihr Ergeb­nis auf Bun­des­ebe­ne bei der Natio­nal­rats­wahl zwei Wochen zuvor.  Doch es soll­te ein biss­chen anders kom­men, noch bes­ser. Ich beglei­te­te Die Grü­nen am Frei­tag und Sams­tag vor der Wahl, sowie auch am Wahl­tag selbst.
Begon­nen hat für mich das Aben­teu­er Grü­ne Vor­arl­berg am Frei­tag­nach­mit­tag bzw. Frei­tag­abend vor der Wahl bei einer etwas umstrit­te­nen Akti­on. Als poli­tisch unab­hän­gi­ger Jour­na­list möch­te ich Ihnen auch die­se Sei­te nicht vor­ent­hal­ten und ver­wei­se daher auf die­sen Link. https://vorarlberg.orf.at/stories/3016736/  Ich stei­ge in den von den Grü­nen gebuch­ten Regio­nal­zug- (S‑Bahn-)Teil erst spä­ter ein. Als der Bun­des­spre­cher der Grü­nen, Wer­ner Kog­ler, bereits weg ist. Es ist ca. 18 Uhr am Bahn­hof Bre­genz. Rede zunächst mit einer Wäh­le­rin und jeman­dem von der Grü­nen Jugend. Zudem tref­fe ich auf ein paar Gesich­ter der Vor­arl­ber­ger Grü­nen. In Feld­kirch wird es bun­ter. Bei Bio Essen und Bio Saft, was die gan­ze Fahrt über ange­bo­ten wird, stei­gen mit der ein­hei­mi­schen Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten Nina Toma­sel­li sowie den bekann­ten Bun­des­grü­nen Leo­no­re Gewess­ler (ehe­mals Glo­bal 2000). und Sig­rid Mau­rer Pro­mis ein. Mit Mau­rer Rede ich über Mob­bing, füh­re Small­talk und fra­ge auch ob sie von ihrer Namens­vet­te­rin im ORF Stei­er­mark weiß. Offen­bar kaum. In Blu­denz kommt Hack­brett-Musik, eine Art loka­le Musik, dazu. Die Musi­ker spie­len im Zug und es gibt eine Gau­di.
Dann, zurück in Bre­genz, geht es für mich zum Akti­ons­thea­ter. „Salon d’amour“ steht auf dem Pro­gramm.
Am Sams­tag schla­fe ich mich aus. Als ich in Dorn­birn, der größ­ten Stadt Vor­arl­bergs, ankom­me am Markt­platz um 12 Uhr ist die Sup­pe schon aus und Spit­zen­kan­di­dat Johan­nes Rauch schon weg. Ihn hat­te ich bereits tags zuvor im Zug getrof­fen. Sig­rid Mau­rer ver­teilt Fly­er und ich wer­de in die Stadt­bi­blio­thek geführt. Dort sind neben Johan­nes Rauch von den Grü­nen auch die Tiro­ler Natio­nal­rä­tin mit Vor­arl­ber­ger Wur­zeln Bar­ba­ra Neß­ler sowie die Dorn­bir­ner Stadt­rä­tin Julia­ne Alton zuge­gen. Gefei­ert wird das Ein-Jah­res-Jubi­lä­um des Pro­jekts „Offe­ner Kühl­schrank“. Alles, was in den „offe­nen Kühl­schrank“ rein­ge­stellt wur­de, wird ver­le­sen, es gibt eine Spen­de vom Kiwa­nis Club und dann eine klei­ne Ver­kös­ti­gung. Das ist geleb­te Kul­tur, die­se Initia­ti­ve. So neben­bei wird mir bei die­ser Ver­an­stal­tung auch der Vor­arl­ber­ger Lokal­dia­lekt so rich­tig bewusst.
Und dann der Wahl­sonn­tag. Früh fah­re ich mit dem Zug nach Rank­weil zur Fir­ma Rauch Frucht­säf­te. Und auch zu Spit­zen­kan­di­dat Johan­nes Rauch. Er wird dort um 8 Uhr mor­gens sei­ne Stim­me abge­ben. Im Ver­an­stal­tungs­zen­trum mit dem klin­gen­den Namen „Vin­om­na­saal“, am Fuße eines klei­nen Hügels auf dem die Rank­wei­ler Basi­li­ka thront. Das Beson­de­re hier: Man sieht durch die Glas­wand von der Stra­ße den Raum mit den auf­ge­stell­ten Wahl­ka­bi­nen. Bei der Stimm­ab­ga­be des Grü­nen Spit­zen­kan­di­da­ten soll­te dann jedoch ein Vor­hang vor­ge­zo­gen wer­den, sodass man von außen schwer her­ein­sieht. Ein paar Kame­ras und Foto­gra­fen sind hier. Sowie eine Repor­te­rin von Länd­le TV. Nie­mand weiß, von wo und wie Johan­nes Rauch kommt. Zu Fuß ist er letzt­end­lich unter­wegs und gibt sogleich sei­ne Stim­me im Vin­om­na­saal ab. Die Glas­wand wird dafür mit dem Vor­hang ver­dun­kelt.  Als er wie­der raus­kommt, die typi­sche Fra­ge „Wie wer­den Sie den Tag ver­brin­gen?“ Sei­ne Ant­wort: Renn­rad fah­ren. Dann geht er von dan­nen.
Next stop, Land­haus. Das Land­haus wur­de Ende der 1970er-Anfang der 1980er Jah­re errich­tet, um alle Ein­rich­tun­gen des Lan­des Vor­arl­berg, die zuvor auf ver­schie­de­ne Gebäu­de in ganz Bre­genz auf­ge­teilt waren, an einem Ort zen­tral unter­zu­brin­gen. Beim Ein­gang las­se ich mich akkre­di­tie­ren. Dann wird mir bewusst. Hier im bevöl­ke­rungs­mä­ßig zweit­kleins­ten Bun­des­land Öster­reichs ticken die Uhren ein biss­chen anders. Das Wahl­pro­ze­de­re ist nicht so wie wir es ken­nen. Kei­ne ers­te Hoch­rech­nung kurz nach 17 Uhr, kein Schlie­ßen des letz­ten Wahl­lo­kals um 17 Uhr. Alles ein biss­chen frü­her und anders. Aber der Rei­he nach: Um 13 Uhr ist bereits Wahl­schluss, es schlie­ßen die letz­ten Wahl­lo­ka­le. Doch statt einer Hoch­rech­nung gibt es unmit­tel­bar danach „nur“ die ers­ten Ergeb­nis­se aus bereits kom­plett aus­ge­zähl­ten Gemein­den. Die ers­te Hoch­rech­nung soll­te erst eine Stun­de spä­ter kom­men. Bei den Zwi­schen­er­geb­nis­sen lässt sich ein ers­ter Trend erken­nen. Näm­lich Gewin­ne für alle im Land­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en außer der FPÖ (SPÖ, NEOS, ÖVP, Grü­ne). Je spä­ter der Nach­mit­tag umso kon­kre­ter das Zwi­schen­er­geb­nis. Neben unzäh­li­gen Jour­na­lis­tIn­nen kom­men auch immer mehr Poli­ti­ke­rIn­nen hier­her für Stel­lung­nah­men. Um 17 Uhr die ORF-Live­sen­dung mit allen Spit­zen­kan­di­da­tIn­nen der im Land­tag ver­tre­te­nen Par­tei­en. Und um 18 Uhr dann die Pres­se­kon­fe­renz. Zunächst von Lan­des­haupt­mann Mar­kus Wall­ner (ÖVP) und im Anschluss dann von sei­nem Regie­rungs­part­ner, Lan­des­rat Johan­nes Rauch (Grü­ne). In die­se Zeit fällt auch die Bekannt­ga­be des vor­läu­fi­gen End­ergeb­nis­ses (es feh­len nur mehr eini­ge Wahl­kar­ten): ÖVP, Grü­ne, SPÖ und NEOS gewin­nen an Stim­men, die FPÖ ver­liert. Und die Grü­nen über­ho­len die FPÖ und lan­den somit erst­mals in ihrer Geschich­te bei einer Land­tags­wahl auf dem zwei­ten Platz. Auch  bei der Lan­des­haupt­mann­par­tei ÖVP um Mar­kus Wall­ner ist die Freu­de groß, nicht nur bei den Grü­nen.  Und SPÖ sowie NEOS sind eben­falls nicht unzu­frie­den, ange­sichts des­sen dass alle bei­de Zuge­win­ne ver­bu­chen konn­ten. Für die NEOS war es in ihrem Ursprungs­bun­des­land mit 8,48 Pro­zent das bes­te Ergeb­nis über­haupt. Und FPÖ-Spit­zen­kan­di­dat Chris­tof Bit­schi meint, der Bund sei für die Ver­lus­te im Land ver­ant­wort­lich. Er schiebt also der Bun­des­par­tei den Schwar­zen Peter zu. Stich­wort Ibi­za-Skan­dal.
Am Ende geht es noch kurz zur Wahl­fei­er der Grü­nen. Die wahr­lich His­to­ri­sches Geschafft haben. Schon 1984, vor 35 Jah­ren, zogen sie unter dem legen­dä­ren Kas­pa­na­ze Sim­ma erst­mals über­haupt in einen Land­tag ein, hier in Vor­arl­berg. Und nun schafft eine Grü­ne Lan­des­par­tei den „ers­ten zwei­ten Platz“ bei einer Land­tags­wahl. Wie­der hier in Vor­arl­berg. Wer hat’s erfun­den? Nicht die Schwei­zer, aber fast. Die Vor­arl­ber­ger wis­sen halt, wie‘s geht.


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