Modern Times — Fulminante ontologische Raserei
Text: Living Culture; Fotos: Ingo Pertramer, Andreas Etter
Rosa Maria Pace, Thibaut Lucas Nury, Leonardo Germani — Modern Times, The Gravity of Iron
Philipp Imbach, Isabel Edwards, Rosa Maria Pace, Savanna Haberland, Kirsty Clarke, Christoph Schaller, Barbora Kubatova, Giulio Panzi
Modern Times, Ballett Graz
Thibaut Lucas Nury, Yuka Eda — Modern Times, Drift
Rosa Maria Pace, Thibaut Lucas Nury, Leonardo Germani — Modern Times, The Gravity of Iron
Philipp Imbach, Isabel Edwards, Rosa Maria Pace, Savanna Haberland, Kirsty Clarke, Christoph Schaller, Barbora Kubatova, Giulio Panzi
Nimrod Poles, Yuka Eda — Modern Times, The Gravity of Iron
Magische Trias
In drei Stücken und von drei Choreografen wurde DAS Thema am Puls der Zeit aufgerollt: Niemand Geringerer als Charlie Chaplin schuf den Filmklassiker „Modern Times“. Und vor diesem schon historischen, aber eben: zeitlosen Hintergrund stellten sich Katarzyna Kozielska, Anne Jung und Giovanni Insaudo den unausweichlichen technologischen, psychologischen und soziologischen Brennpunkten. Einem Paradigmenwechsel der Beziehungskultur im Spannungsfeld von Humanität, Menschsein und Technologie. Durchaus aktivierend, aber auch nachdenklich stimmend.
Glanzlicht
Das Ensemble kann zurecht als Glanzlicht, das den Abend überstrahlte, bezeichnet werden. Neben den unvergesslichen Choreografien bestechen die sensitiv-ästhetischen Kostüme von Silke Fischer und Elisabeth Perteneder im Diskurs mit der Lichtkunst von Martin Schwarz. Die Bühne wird zum Welltheater, zur Manege der Beziehungskultur, die im Umbruch ist. Tänzerinnen und Tänzer imponieren solistisch und im Ensemble wahrhaft atemberaubend.
Katarzyna Kozielska bietet mit „404 – Not Found“ einen einzigartigen Einstieg in die Materie von Modern Times. Zum Sounddesign von Benjamin Magnin gelingt es ihr, in der beschleunigten Taktung der Gegenwart nichtsdestotrotz Nischen zum Emotionsabbau zu erschaffen und zu finden, sozialpsychologische Ventile zur Druckabfuhr, Möglichkeiten zur Selbstreflexion und für wahre zwischenmenschliche Begegnung. Der Realitätscheck öffnet dann jedoch andere Dimensionen, wie der Titel des Stücks – eine wohlbekannte Fehlermeldung – vorwegnimmt.
Akzelerationismus
Dem Akzelerationismus zufolge sollen gesellschaftliche und technologische Entwicklungen nicht aufgehalten oder gar gebremst werden. Die „ontologische Raserei“ bis hin zur exzessiven Rastlosigkeit prägt Anne Jungs „Drift“. Der Sound kommt von Paul Davidson Jaconello. Die Choreografin konfrontiert mit ständigen Innovationen, einen Verlust der Prozesshaftigkeit und permanenten Überdruck, der nach Ergebnissen, Zielen, Resultaten lechzt. Jeder Moment des Überlegens und Innehaltens scheint redundant, ja unzeitgemäß geworden. Permanenter Leistungsdruck, ständige Optimierung und Steigerung sind wegweisend und „der ganz normale Standard“ (oder: „Wahnsinn“). Individualist*innen wie Yuka Eda und Thibaut Lucas Nury oder Kirsty Clarke und Leonardo Germani können diesen atemlose und schon autoaggressiv anmutenden irren Flow durchbrechen.
Giovanni Insaudo bringt in seiner erzählerischen Choreografie „The Gravity of Iron“ Mensch und Technik zusammen. Daraus entsteht eine probate Moderne, die allerdings schon wieder überaltert ist. Im Gleichklang von einst formiert sich sodann im Sounddesign von Hodei Iriarte Kaperotxipi ein multitonales Universal: Der Einzelmensch ist hier am Ertrinken. Yuka Eda überrascht hier als scheinbar knochenloser Mensch.
Angesichts von drei divergierenden choreografischen Übersetzungen und Verbildlichungen entsteht eine Mixtur aus schweren, leichten, beglückenden und beklemmenden Erlebniswerten, die vielseitig nachwirken.