schließen

Modern Times — Ful­mi­nan­te onto­lo­gi­sche Rase­rei


Text: Living Cul­tu­re; Fotos: Ingo Per­tra­mer, Andre­as Etter
In „Modern Times“ the­ma­ti­siert, ja dra­ma­ti­siert und cho­reo­gra­fiert das syn­er­ge­ti­sche Trio aus Katar­zy­na Koziel­s­ka, Anne Jung und Gio­van­ni Insau­do in drei Stü­cken die zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hung im Wan­del. Das ful­mi­nan­te Ensem­ble wirk­te mit­rei­ßend und inspi­rie­rend auf alle, die das Erleb­nis teil­ten.

Magi­sche Tri­as

In drei Stü­cken und von drei Cho­reo­gra­fen wur­de DAS The­ma am Puls der Zeit auf­ge­rollt: Nie­mand Gerin­ge­rer als Char­lie Chap­lin schuf den Film­klas­si­ker „Modern Times“. Und vor die­sem schon his­to­ri­schen, aber eben: zeit­lo­sen Hin­ter­grund stell­ten sich Katar­zy­na Koziel­s­ka, Anne Jung und Gio­van­ni Insau­do den unaus­weich­li­chen tech­no­lo­gi­schen, psy­cho­lo­gi­schen und sozio­lo­gi­schen Brenn­punk­ten. Einem Para­dig­men­wech­sel der Bezie­hungs­kul­tur im Span­nungs­feld von Huma­ni­tät, Mensch­sein und Tech­no­lo­gie. Durch­aus akti­vie­rend, aber auch nach­denk­lich stim­mend.

Glanz­licht

Das Ensem­ble kann zurecht als Glanz­licht, das den Abend über­strahl­te, bezeich­net wer­den. Neben den unver­gess­li­chen Cho­reo­gra­fien bestechen die sen­si­tiv-ästhe­ti­schen Kos­tü­me von Sil­ke Fischer und Eli­sa­beth Per­ten­e­der im Dis­kurs mit der Licht­kunst von Mar­tin Schwarz. Die Büh­ne wird zum Well­thea­ter, zur Mane­ge der Bezie­hungs­kul­tur, die im Umbruch ist. Tän­ze­rin­nen und Tän­zer impo­nie­ren solis­tisch und im Ensem­ble wahr­haft atem­be­rau­bend.

Katar­zy­na Koziel­s­ka bie­tet mit „404 – Not Found“ einen ein­zig­ar­ti­gen Ein­stieg in die Mate­rie von Modern Times. Zum Sound­de­sign von Ben­ja­min Magnin gelingt es ihr, in der beschleu­nig­ten Tak­tung der Gegen­wart nichts­des­to­trotz Nischen zum Emo­ti­ons­ab­bau zu erschaf­fen und zu fin­den, sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Ven­ti­le zur Druck­ab­fuhr, Mög­lich­kei­ten zur Selbst­re­fle­xi­on und für wah­re zwi­schen­mensch­li­che Begeg­nung. Der Rea­li­täts­check öff­net dann jedoch ande­re Dimen­sio­nen, wie der Titel des Stücks – eine wohl­be­kann­te Feh­ler­mel­dung – vor­weg­nimmt.

Akze­le­ra­tio­nis­mus

Dem Akze­le­ra­tio­nis­mus zufol­ge sol­len gesell­schaft­li­che und tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen nicht auf­ge­hal­ten oder gar gebremst wer­den. Die „onto­lo­gi­sche Rase­rei“  bis hin zur exzes­si­ven Rast­lo­sig­keit prägt Anne Jungs „Drift“. Der Sound kommt von Paul David­son Jaco­nel­lo. Die Cho­reo­gra­fin kon­fron­tiert mit stän­di­gen Inno­va­tio­nen, einen Ver­lust der Pro­zess­haf­tig­keit und per­ma­nen­ten Über­druck, der nach Ergeb­nis­sen, Zie­len, Resul­ta­ten lechzt. Jeder Moment des Über­le­gens und Inne­hal­tens scheint red­un­dant, ja unzeit­ge­mäß gewor­den. Per­ma­nen­ter Leis­tungs­druck,  stän­di­ge Opti­mie­rung und Stei­ge­rung sind weg­wei­send und „der ganz nor­ma­le Stan­dard“ (oder: „Wahn­sinn“). Individualist*innen wie Yuka Eda und Thibaut Lucas Nury oder Kirs­ty Clar­ke und Leo­nar­do Ger­ma­ni kön­nen die­sen atem­lo­se und schon auto­ag­gres­siv anmu­ten­den irren Flow durch­bre­chen.

Gio­van­ni Insau­do bringt in sei­ner erzäh­le­ri­schen Cho­reo­gra­fie „The Gra­vi­ty of Iron“ Mensch und Tech­nik zusam­men. Dar­aus ent­steht eine pro­ba­te Moder­ne, die aller­dings schon wie­der über­al­tert ist. Im Gleich­klang von einst for­miert sich sodann im Sound­de­sign von Hodei Iri­ar­te Kaperot­xi­pi ein mul­ti­to­na­les Uni­ver­sal: Der Ein­zel­mensch ist hier am Ertrin­ken. Yuka Eda über­rascht hier als schein­bar kno­chen­lo­ser Mensch.

Ange­sichts von drei diver­gie­ren­den cho­reo­gra­fi­schen Über­set­zun­gen und Ver­bild­li­chun­gen ent­steht eine Mix­tur aus schwe­ren, leich­ten, beglü­cken­den und beklem­men­den Erleb­nis­wer­ten, die viel­sei­tig nach­wir­ken.


Beset­zung

Vor­stel­lun­gen

Fr. 12.06.2026  19:30 bis ca. 21:15  Opern­haus Haupt­büh­ne
€ 3 bis € 42  TicketsOper Graz Logo
Zum letz­ten Mal  Do. 18.06.2026  19:30 bis ca. 21:15  Opern­haus Haupt­büh­ne
€ 3 bis € 42  Tickets