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„Neue Zei­ten: Öster­reich seit 1918“ im Haus der Geschich­te Öster­reich HDGÖ


Text: Lukas Wogrol­ly / Living Cul­tu­re; Fotos: Lorenz Pau­lus / hdgö (2), hdgö (21), Living Cul­tu­re (16)
Moder­ne Geschich­te viel­fäl­tig und doch kom­pakt – das bie­tet eine Dau­er­aus­stel­lung am Wie­ner Hel­den­platz.

Das zur Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek ÖNB gehö­ren­de Haus der Geschich­te Öster­reich HDGÖ ist zwar, wie die ÖNB, Teil des gro­ßen Gebäu­de­kom­ple­xes der Wie­ner Hof­burg. Die unter ande­rem auch die Bun­des­prä­si­dent­schafts­kanz­lei genau­so wie den Gro­ßen Redou­ten­saal, in dem wäh­rend des Par­la­ments­um­baus Natio­nal­rat und Bun­des­rat pro­vi­so­risch tagen, umfasst. Und den­noch betritt man das HDGÖ im Gegen­satz zur ÖNB nicht vom Josefs­platz, son­dern vom Hel­den­platz. Im zwei­ten Stock des Bau­teils, in dem auch unter ande­rem eine Samm­lung alter Musik­in­stru­men­te sowie das Ephe­sos Muse­um unter­ge­bracht ist, befin­det sich jener Bal­kon, von dem Hit­ler aus im März 1938 eine geschichts­träch­ti­ge Rede hielt. Bis heu­te ist unklar, wie es mit die­sem his­to­risch stark belas­te­ten Altan der Neu­en Burg wei­ter­ge­hen soll. Seit dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges und dem dama­li­gen Beginn der bis heu­te andau­ern­den Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit wur­de die­ser Bal­kon ledig­lich ein­mal genützt, und zwar im Jahr 1992 für einen Frie­dens­vor­trag. Im Bereich unmit­tel­bar davor im Gebäu­de­inne­ren, genannt Alma-Rose-Pla­teau, fin­den regel­mä­ßig vom Haus der Geschich­te Öster­reich orga­ni­sier­te Aus­stel­lun­gen statt, die – irgend­wie pas­send zum his­to­ri­schen Hin­ter­grund des Bal­kons – stets mit der NS-Dik­ta­tur zu tun haben. So besuch­te ich bei­spiels­wei­se am letz­ten und vor­letz­ten Tag Mit­te Novem­ber eine Aus­stel­lung in der Por­traits in Polen leben­der Juden unter dem Deck­man­tel eines dama­li­gen For­schungs­pro­jekts zwei­er Ange­stell­ter des Natur­his­to­ri­schen Muse­ums zur Schau gestellt wur­den. Oder, als Nach­fol­ge­aus­stel­lung sofern es der Lock­down zulässt, eine Aus­stel­lung mit dem Titel „Hit­ler ent­sor­gen. Vom Kel­ler ins Muse­um“. Doch wid­men wir uns nun dem Haupt­teil des HDGÖ zu. Er befin­det sich einen Stock tie­fer, im 1. Stock der Neu­en Burg, also jenes Teils der Wie­ner Hof­burg, den man vom Hel­den­platz aus betritt. Ein gro­ßer Raum ist dort einer Dau­er­aus­stel­lung gewid­met, die die jüngs­te Geschich­te von Öster­reich zum The­ma hat. „Neue Zei­ten: Öster­reich seit 1918“ behan­delt so ziem­lich alles von der His­to­rie unse­res Lan­des, was nach der Habs­bur­ger-Zeit kam. Man könn­te also auch beti­teln „Öster­reich ohne die Habs­bur­ger-Mon­ar­chie-Zeit“ oder „Öster­reich seit dem Ende der Habs­bur­ger-Mon­ar­chie“. Dabei sticht vor allem die Viel­fäl­tig­keit ins Auge. Und obwohl einem roten Faden der Chro­no­lo­gie der Ereig­nis­se fol­gend – je mehr man sich vom Ein­gang weg­be­wegt umso mehr bewegt man sich in der Geschich­te des Laufs der Jah­re vor­wärts, also in Rich­tung moder­ne­re Zei­ten – umfasst die­se Dau­er­aus­stel­lung auch unter­schied­li­che The­ma­ti­ken. Und ist somit nicht rein chro­no­lo­gisch auf­ge­baut. Das ers­te mar­kan­te The­ma – ich will hier jetzt zuguns­ten der Sub­jek­ti­vi­tät und Eigen­stän­dig­keit des Tex­tes nicht alle voll­zäh­lig auf­lis­ten, son­dern ver­wei­se dies­be­züg­lich auf die Home­page des HDGÖ – ist zwei­fel­los jenes der Rol­le der Frau. Schon im Foy­er des HDGÖ im 1. Stock wird dies deut­lich genau­so wie im ein­zi­gen Bereich des gro­ßen Aus­stel­lungs­saa­les der vom Ein­gang aus gese­hen links und nicht rechts liegt. Da fin­det sich ein Sitz­be­reich für Vor­trä­ge fast wie ein grie­chi­sches Thea­ter mit Zuschau­er­rän­gen, eine inter­ak­ti­ve Sta­ti­on zum The­ma Wah­len oder eben auch die Rol­le des Wahl­rechts ver­bun­den mit dem Wahl­recht der Frau, das sich ja bekannt­lich erst all­mäh­lich ent­wi­ckel­te. Ein wei­te­rer The­men­be­reich, der vor allem in der Zeit ab dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs 1945 zum Aus­druck kommt, ist die öster­rei­chi­sche Iden­ti­tät. Fil­me wer­den gezeigt von Län­der­spie­len öster­rei­chi­scher Fuß­ball-A-Natio­nal­mann­schaf­ten der Her­ren und Frau­en, es gibt einen Dop­pel­mayr-Ses­sel­lift zum Pro­be­sit­zen, der aus den 1960er-Jah­ren zu sein scheint. Oder auch wei­te­re Sport­high­lights als Teil der öster­rei­chi­schen Iden­ti­tät, die über den klei­nen Bild­schirm flim­mern. Iden­ti­tät, ein etwas vager Begriff. So ähn­lich, wie mir das erklärt wur­de in einer Füh­rung am 10. Okto­ber von Frau Mai­er­ho­fer, was den Begriff Aus­tro­fa­schis­mus oder Stän­de­staat anlangt. Für die Zeit ab 1934, als die Repu­blik von den Christ­lich­so­zia­len unter Doll­fuß und spä­ter Schu­sch­nigg aus­ge­schal­tet wor­den war und Öster­reich – kurz vor der Macht­über­nah­me durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten 1938 – auto­ri­tär regiert wur­de, gibt es prak­tisch kei­nen his­to­risch neu­tra­len Begriff. Inso­fern kann auch die Wort­wahl, ob man nun von Aus­tro­fa­schis­mus oder Stän­de­staat spricht, erken­nen las­sen, aus wel­cher Per­spek­ti­ve man die­se his­to­ri­sche Epo­che betrach­tet bezie­hungs­wei­se wel­cher poli­ti­schen Gesin­nung man ist. Die Auf­ar­bei­tung der NS-Zeit ab 1945 zieht sich als The­ma wie ein unsicht­ba­rer roter Faden durch die gesam­te Dau­er­aus­stel­lung. Immer wie­der wird in die­sem Zusam­men­hang auch die oft het­ze­ri­sche Rol­le der FPÖ genannt. Bei­spiels­wei­se in Form von Wahl­pla­ka­ten, im Zusam­men­hang mit dem Atten­tat auf die Roma und Sin­ti im Bur­gen­land 1993 oder auch bei der Ver­an­schau­li­chung des „Öster­reich zuerst“-Volksbegehrens initi­iert von Jörg Hai­der Anfang der 1990er-Jah­re, das zu zahl­rei­chen Pro­tes­ten und Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen führ­te. Doch auch die Rol­le des ehe­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Kurt Wald­heim in der NS-Zeit wird anhand eines Kurz­vi­de­os einer Pro­test-Demons­tra­ti­on in der Wie­ner Innen­stadt 1986 und wei­te­rer Expo­na­te durch­leuch­tet. Die letz­ten bei­den The­men die ich anspre­chen möch­te, sind die Gren­zen sowie das Aktu­el­le. Der Euro als neu­es gesetz­li­ches Zah­lungs­mit­tel ab 1999 (im bar­geld­lo­sen Zah­lungs­ver­kehr) bezie­hungs­wei­se ab 2002 (als Bar­geld) und der Weg­fall der Grenz­kon­trol­len inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on dank dem Schen­ge­ner Abkom­men sind zwei Mei­len­stei­ne die zwi­schen 1990 und 2020 die Gren­zen inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on immer klei­ner wer­den lie­ßen und die ein­zel­nen Mit­glieds­staa­ten immer mehr auf­ein­an­der zukom­men. Öster­reich, seit 1.1.1995 dank dem Refe­ren­dum vom 12.6.1994 bekannt­lich Teil der EU, hat dabei eine ganz zen­tra­le Rol­le. Und den­noch, im hin­ters­ten Teil der Dau­er­aus­stel­lung der im ent­le­gens­ten Teil des Rau­mes liegt, wird uns bewusst, dass gera­de seit 2020 das Zie­hen von Gren­zen und die Abgren­zung auch eine ganz wich­ti­ge Rol­le spie­len in der heu­ti­gen Zeit, mehr denn hier. Hier­für sei­en zwei ein­drucks­vol­le Bei­spie­le genannt, die ich mir in die­ser Aus­stel­lung auf detail­lier­te und ein­präg­sa­me Art und Wei­se zu Gemü­te führ­te. Zum einen natür­lich, die bald zwei Jah­re andau­ern­de Coro­na-Kri­se die auf der einen Sei­te das Schen­ge­ner Abkom­men teils wie­der außer Kraft setz­te bezie­hungs­wei­se bis heu­te dazu führt, dass für Auf­ent­hal­te in einem ande­ren Land, und sei es auch „nur“ ein ande­res EU-Nach­bar­land wie die Grün­dungs­mit­glie­der Deutsch­land und Ita­li­en, eine Rei­he von Auf­la­gen nötig ist. Wie ein Impf­zer­ti­fi­kat, genannt „Grü­ner Pass“, die genaue Bekannt­ga­be von Auf­ent­halts­dau­er und ‑ort, et cete­ra. Und zum ande­ren führt die Coro­na-Kri­se auch dazu, dass zur Maxi­me wur­de „Mei­ne Frei­heit endet dort, wo die des ande­ren beginnt“. Das zeigt sich dadurch, dass man sich zum Woh­le der ande­ren und der gesam­ten Gemein­schaft imp­fen las­sen soll­te und Gedan­ken wie „Was geht die ande­ren mein Gesund­heits­zu­stand an“ fehl am Platz sind in der heu­ti­gen Zeit. Genau­so wie zu Beginn bezie­hungs­wei­se im ers­ten Jahr der Coro­na-Kri­se, als es noch kei­nen wirk­sa­men Impf­stoff gab, neben dem Mas­ken­tra­gen das Abstand­hal­ten mit bis zu 2 m aller­obers­tes Gebot war. Als Sym­bol und auch über die Gren­zen Öster­reichs wohl mitt­ler­wei­le bekannt, dien­te hier­zu­lan­de der berühm­te Babye­le­fant, von dem sich selbst­ver­ständ­lich auch ein Expo­nat ganz hin­ten in die­ser Dau­er­aus­stel­lung befin­det. „Mei­ne Frei­heit endet dort, wo die des ande­ren beginnt“ – das wird jedoch nicht nur durch die Coro­na-Kri­se deut­lich. Das jüngs­te Aus­stel­lungs­stück bei des­sen fei­er­li­cher Ein­füh­rungs­ze­re­mo­nie ich haut­nah dabei sein durf­te, ist eine der letz­ten Orts­ta­feln von „Fuck­ing“, einem Teil der ober­ös­ter­rei­chi­schen Gemein­de Tars­dorf. Heu­te heißt „Fuck­ing“ „Fug­ging“ auf Initia­ti­ve der Bür­ger­meis­te­rin Andrea Holz­ner die wegen zahl­rei­cher Beschwer­den von Bewoh­ne­rIn­nen die­se Umbe­nen­nung letzt­end­lich durch­ge­setzt hat­te. Doch wie war es dazu gekom­men? Auf­grund des immer stär­ker wer­den­den Ein­flus­ses von Influen­cern (man beach­te das bewuss­te Wort­spiel Ein­fluss – Influence) und der immer belieb­te­ren Sozia­len Medi­en wie You­Tube, Face­book, Insta­gram, Twit­ter und Co. und der im Eng­li­schen „beson­de­ren“ Bedeu­tung des Aus­drucks „fuck­ing“ wur­de die „Fucking“-Ortstafel häu­fig gestoh­len. Doch damit bei wei­tem nicht genug: Ein däni­scher Blog­ger dreh­te die obs­zöns­ten und grenz­ver­let­zends­ten Vide­os im Zusam­men­hang mit die­sem Namen, als er in die ober­ös­ter­rei­chi­sche Gemein­de reis­te. Er war nur ein Bei­spiel von vie­len Grenz­über­tre­tun­gen, bei denen Bewoh­ne­rIn­nen und auch Kin­der beläs­tigt wur­den. Bis eben es Bür­ger­meis­te­rin Andrea Holz­ner zu viel wur­de und sie dem „Fucking“-Namen, wie er auch im Expo­nat durch­ge­stri­chen ist, durch die Umbe­nen­nung in „Fug­ging“ ein Ende setz­te. Die Frei­heit des einen endet dort, wo jene des ande­ren beginnt. Ich ver­folg­te die­se Fuck­in­g/­Fug­ging-Debat­te über die Medi­en und, nach­dem ich mich über Face­book mit Andrea Holz­ner in Ver­bin­dung gesetzt hat­te, wur­de ich auch ein­ge­la­den, eben der fei­er­li­chen Über­ga­be der „Fucking“-Ortstafel im HDGÖ Anfang Sep­tem­ber 2021 bei­zu­woh­nen. Im Bei­sein von einer Dele­ga­ti­on aus „Fug­ging“ ange­führt von der Bür­ger­meis­te­rin erleb­te ich einen Kurz­vor­trag von HDGÖ-Lei­te­rin Moni­ka Som­mer zu die­ser The­ma­tik sowie eine Kurz­füh­rung durch die Aus­stel­lung von HDGÖ-Mit­ar­bei­te­rin Lau­ra Lan­ge­der. Hier­zu sei auf die vie­len Fotos in der an die­sen Text ange­häng­ten Gale­rie ver­wie­sen. Alles in allem kann man sagen, die­se Dau­er­aus­stel­lung beginnt mit der Bot­schaft „Wel­che Rol­le hat(te) die Frau“ und endet mit „Die Frei­heit des einen endet dort, wo jene des ande­ren beginnt“ – ein­drucks­voll ver­an­schau­licht in der heu­ti­gen Zeit anhand der ein­prä­gen­den Bei­spie­le Coro­na und Fuck­ing. Wer auch ger­ne das HDGÖ bezie­hungs­wei­se die­se Dau­er­aus­stel­lung besu­chen möch­te, even­tu­ell zusam­men mit der Wech­sel­aus­stel­lung im 2. OG auf dem Alma-Rose-Pla­teau neben dem berühm­ten, aber dau­er­haft gesperr­ten Hel­den­platz-Bal­kon, der kann dies in Nicht-Lock­down-Zei­ten selbst­ver­ständ­lich machen. In die­sem Sin­ne: Auf vie­le ein­drucks­vol­le Erleb­nis­se im HDGÖ, wie ich sie bereits erle­ben durf­te! Die Geschich­te nach der Habs­bur­ger-Zeit auf krea­ti­ve, viel­fäl­ti­ge und den­noch auch chro­no­lo­gi­sche Art umge­setz­te Art – das bie­tet das HDGÖ am Wie­ner Hel­den­platz!

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